Adieu Herr Westerwelle

Geschrieben von Richard am 24 Feb 2010 |

Schöner und klarer kann man eine Rücktrittsforderung nicht formulieren.

Westerwelle ist ein unerträglicher Zyniker, der die Lebensleistung von Millionen von Menschen einfach vom Tisch wischt. Wir haben kein Problem mit ein paar faulenzenden Biertrinkern, die es sich in der sozialen Hängematte bequem gemacht haben, die -nebenbei bemerkt- ganz sicher nicht so bequem ist, wie Westerwelle und ein paar andere glauben machen wollen. Das muss ein reiches Land wie wir es sind einfach aushalten. Wir haben ein Problem mit Menschen, die von ihrer Hände Arbeit NICHT leben können. DAS ist ein Problem.

Hier geht es um etwas ganz anderes als soziale Gerechtigkeit. Die hypothetische Senkung der Hartz-IV-Bezüge, wie sie Westerwave in den Kram passen würde (unterstelle ich einfach mal), wird zu einer Senkung des Lohnniveaus in den untersten Einkommen führen und noch mehr Leute von gesellschaftlichen Wohlstand abkoppeln. Wem nutz das wohl?

Abgesehen davon kann auch Westerwelle die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass über kurz oder lang große Teile der arbeitsfähigen Bevölkerung nicht mehr gebraucht werden. Das ist ein Fakt. Und das ist seit langem bekannt. Dafür gibt es aber -soweit ich das sehe- kein Konzept. Bei keiner Partei. Und da ist es gesellschafts- und im übrigen auch wirtschaftspolitischer Blödsinn, Daumenschrauben anzulegen.


Auf der Jagd nach dem Geschäftsmodell

Geschrieben von Richard am 23 Nov 2009 |

Heute berichtet das ehemalige Nachrichtenmagazin aus Hamburg über einen sich anbahnenden Deal zwischen Rupert Murdochs News Corp. und Microsoft. Gegen Google. Die News aus dem Medienkonzern sollen exklusiv über die Microsoft-eigene Suchmaschine Bing erreichbar sein. Dafür soll Microsoft zahlen. An News Corp. Na sollen sie doch. Ich würde weder die Nachrichten von News Corp. vermissen und erst recht nicht würde ich anfangen, ihretwegen die Microsoft-Suche zu benutzen. Was für eine absurde Vorstellung, hier erfolgreich ein Parallel-Web etablieren zu wollen, und damit Google in die Knie zu zwingen, wo doch niemand ernsthaft bezweifelt, dass Google vermutlich durch die Listung der News in den Suchergebnissen auch Murdoch mehr nutzt als schadet.

schnittmengeEine dazu passende Meldung ist die, dass der Springer-Konzern die Angebote von Welt.de und Bild.de für iPhone-Nutzer nur noch über eine kostenpflichtige Applikation obendrein kostenpflichtig angeboten werden. Ich habe kurz überlegt, wann ich zuletzt mit meinem iPhone bild.de aufgerufen habe. Es ist mir nicht eingefallen. Ich vermute, das liegt daran, dass das noch nicht vorgekommen ist. Ich bin sogar so verwegen zu behaupten, dass die Schnittmenge zwischen iPhone-Besitzern und Bildlesern sehr überschaubar ist. Insofern darf das Vorhaben wohl auch als eher weniger brillante Idee abgehakt werden.

Wie passend: während ich diese Zeilen schreibe, blamieren sich gerade 3 Männer in der ARD, von denen ich zumindest 2 für halbwegs intelligent gehalten habe. Hint: Beckman gehört nicht dazu. Frank Schirrmacher (FAZ) promoted sein Buch, das gegen die internetinduzierte Informationsvielfalt polemisiert. Und Jauch gibt ihm recht, während Beckmann Stichworte in den Raum wirft. Eigentlich sollten die drei nur mal ein Selbstmanagement-Seminar besuchen oder ihre Kinder fragen, wie man sich Medienkompetenz aneignet. So wie das gerade bei Beckmann diskuitert wird, kommen die beiden Medienprofis wie weinerliche Maschinenstürmer daher, die sich die gute alte Zeit der Deutungshoheit der klassichen Medien zurückwünschen: mit zwei Fernsehsendern und einer überschaubaren Anzahl von Tageszeitungen, die man schön in links und konservativ und liberal einordnen konnte. Oder so.

Ich hatte es hier schon einmal geschrieben: die Medienlandschaft und die Wahrnehmnung von Informationen befindet sich vermutlich im größten Umbruch seit Erfindung des Buchdrucks. Und diejenigen, die am wenigsten davon profitieren, haben die besten Mittel, diesen Prozess zu verlangsamen, indem sie die öffentliche Wahrnehmung steuern. Und davon machen sie ausgiebig Gebrauch.


Stadtplanung nach Hahnemann

Geschrieben von Richard am 10 Nov 2009 |

Wer künftig Arbeiter dabei beobachten kann, wie sie Löcher in die Asphaltdecke neben die Frostschäden aus dem letzten Winter meisseln oder Kinder, wie sie die Fensterscheiben eines leerstehenden Hauses zertrümmern, der hat es nicht mit Vandalismus oder Arbeitsbeschaffung zu tun, sondern hält sich vermutlich in Köthen auf. Das, was die fleissigen Hände da tun, ist eben nicht Zerstörung, sondern nennt sich Reizsetzung nach dem Ähnlichkeitsprinzip und ist eine zentrale Methode der Homöopathie.

Die stolze Bach-Stadt Köthen hat ihren Sohn Samuel Hahnemann wiederentdeckt. Der ist zwar nicht in der anhaltinischen Kreisstadt geboren, hat hier aber wohl eine zeitlang seine Leer Lehren um wirkstofflose Mittelchen entwickelt und verbreitet. Das war der Stadtmarketing Gesellschaft offenbar Grund genug, dass Profil der Stadt um die Facette der Pseudowissenschaft zu erweitern. So soll bis 2010 ein Masterstudiengang für Homöopathie in Köthen angeboten und die wiederentdeckte Tradition so im Selbsverständnis und im Image der Stadt verankert werden.

Das ist aber wohl noch nicht spektakulär genug und so haben sich die kreativen Jungs von der Imageabteilung noch einen besonderen Coup überlegt: Homöopathische Stadtplanung und Sanierung. Da werden jetzt viele die Stirn runzeln und denken: Mönsch, das ist doch das, was wir zwischen ’49 und ’89 gemacht haben! Stimmt auch. Aber es reicht nicht, es zu tun, man muss auch darüber reden. Und zwar positiv!

Mir ringt es offen gestanden eine gewisse Bewunderung ab, Stadtplanung und Sanierung schlicht zu unterlassen und dann von Homöopathie zu sprechen. So werden mindestens zwei Fliegen mit einer Klappe geschlachtet: kostet nix und lässt sich vermarkten. Respekt!

Allerdings wäre es fahrlässig, die Methoden nur zu bewundern, mit denen die Köthener da aufwarten. Man muss sie kopieren!

Die Reizsetzung nach dem Ähnlichkeitsprizip postuliert, dass Symptome (Kopfschmerz) bekämpft werden können, indem dem Patienten ein stark verdünntes Mittel verabreicht wird, welches das selbe Symptom (Kopfschmerz) verursacht. Minus mal minus gibt plus quasi. Übertragen auf andere Anwendungsfelder könnte das ungefähr folgendes bedeuten:

Stadtsanierung: eine Fassade mit Wasserschaden saniert sich, wenn ich am Nachbarhaus die Dachrinnen kaputt schlage.

Autoreparatur: einen platten Reifen bekommt man prima in den Griff, indem man bei einem Zweiten das Ventil herausdreht.

Ehe: ein Seitensprung mit den zwei besten Freundinnen der Ehefrau ist für die Angetraute viel leichter zu verkraften, wenn man hinterher gleich noch mit der Nachbarin ins Bett steigt.

Ja, so ungefähr könnte es gehen. Und wenn es nicht funktioniert, war das System nicht komplex genug oder der Glaube hat gefehlt.


Zutrittskontrolle fürs Netz

Geschrieben von Richard am 11 Aug 2009 |

Golem.de berichtet von angeblichen Plänen der Bundesregierung, einen Internetausweis einzuführen, der alle Aktivitäten im Netz rückverfolgbar machen soll. Das würde gut zu den ungeheuerlichen Vorstellungen vonThomas de Maizière passen, der Verkehrsregeln fürs Netz fordert. Indes dementiert das Innenministerium auf Anfrage von Golem offenbar. Allerdings nicht ohne einzuschränken, dass dieses Dementi natürlich nur für das Innenministerium gilt. Ich glaube ihr das. Vermutlich wird diese Neuerung als Initiative des Wirtschaftsministeriums kommen, die damit den Internethandel sicherer machen will.

Schönes Zitat am Rande:

Auch der elektronische Personalausweis mit Online-Identitätsnachweis erlaube eine anonyme Nutzung im Internet durch die Möglichkeit, Pseudonyme zu verwenden.

Pseudonym <> Anonym! Aber für solche Haarspaltereien haben Beamte vermutlich keine Zeit.


Käufliche Richter

Geschrieben von Richard am 17 Feb 2009 |

Käufliche Richter stellt man sich gemein hin als Leute vor, die Angeklagte gegen ein gewisses Entgeld freisprechen. In Pennsylvania lief das geringfügig anders. Hier haben 2 Richter jugendliche Straftäter zu Jugendhaft verurteilt und dafür Geld bekommen. Mehr als 2,6 Mio Dollar hat der private Betreiber an die Richter gezahlt.

Zunächst haben die Richter in ihren Funktionen dafür gesorgt, dass die vormals staatlichen Erziehungsanstalten für jugendliche Straftäter wegen schlechter Bedingungen geschlossen wurden, um dann für die privat betriebenen Einrichtungen für genügend Insassen zu sorgen, damit das Geschäftsmodell auch funktionert. Dafür haben die Richter Jugendliche ohne juristische Vorgeschichte wegen beispielsweise einer Schulhofschlägerei zu 90 Tagen Jugendarrest verurteilt.

Nun sitzen sie selbst auf der Anklagebank. Was bleibt ist die Erkenntnis, das hoheitliche Aufgaben nicht gut in profitorientierte Unternehmerhände passen.


Bretto & Nutto

Geschrieben von Richard am 27 Nov 2007 |

Der Pispers mal wieder. Hier erklärt er das, was einst die Kanzlerin ins Schleudern brachte, äußerst souverän.


Greenspan: Es ging ums Öl

Geschrieben von Richard am 16 Sep 2007 |

Nunja, das eingentliche Statement überrascht niemanden, dass es von einem wie Greenspan kommt, allerdings schon: “Beim Irak-Krieg ging es vor allem ums Öl”. Darüber hinaus verteilt der ehemalige Chef der amerikanischen Notenbank schlechte Noten für die Wirtschaftspolitik der Bush-Administration.

Der Verteidigungsminister Robert Gates widersprach umgehend diesen Verlautbarungen, die aus der Autobiografie Greenspans vorab bekannt geworden sind. Der Grund der Irak-Intervention sei “die Sorge um die Stabilität in der Golfregion gewesen”. In 2003 waren jedoch Massenvernichtungswaffen und Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Quaida als Gründe genannt worden. Und das nun tatsächlich erreichte Level von Sicherheit und Stabilität in der Region dürfte nur marginal von dem in 2002 abweichen.


“Klimafreundliche” Ölsandaufbereitung

Geschrieben von Richard am 11 Sep 2007 |

Offenbar plant Shell für die Rohölgewinnung aus Ölsanden in Kanada zukünftig auch Nuklearenergie einzusetzen.

Die Rohölgewinnung aus Ölsanden ist eine energieintensive Sache, bei der zur Separierung des Gemisches aus Sand/Ton, Wasser und sehr schwerem Rohöl Unmengen von heissem Wasser und damit Energie benötigt werden. Bei der Produktion von einem Barrel Rohöl fallen so mehr als 80kg Treibhausgase1 und 4 Barrel Abwasser an.

Nun kommt zur Deckung der Energiemengen offenbar neben der jetzigen Verwendung von Gas als Energieträger auch Atomkraft ins Spiel. Das lässt zumindest der Bau eines neuen, mehr als 4 Mrd. Euro teueren Atomkraftswerks für Energie Alberta vermuten. Die Kapazität des Kraftwerks ist nach Angaben der Betreiber bereits zu 70% an einen großen Abnehmer verkauft, der nicht genannt werden will.

Auf Nachfrage wollte ein Sprecher von Shell Kanada weder bestätigen noch dementieren, der Abnehmer zu sein. Allerdings gehöre Atomernergie zu den erwogenen Optionen.

Grund für den erhöhten Energiebedarf ist die geplante Verfünffachung der Produktionsmenge von derzeit 155.000 Barrel pro Tag innerhalb der nächsten 20 Jahre.

Walt Patterson, Mitglied des Think-Tanks Chattham House dazu: “Allein die Extraktion von Rohöl aus Ölsand macht mir schon Angst. Die ganze Idee ist vor dem Hintergrund der derzeitigen Klimaschutzdebatte vollkommen pervers. Das ganze dann auch noch mit Atomstrom zu betreiben, ist die schlechteste aller Ideen.”

Man muss sich mal auf der Zunge zergehen lassen, was da gerade passiert: Die Rohölproduktion aus immer schlechter zugänglichen Lagerstätten wird durch die steigende Rohölpreise lukrativ, verschlingt aber Unmengen von Energie, hinterlässt Tagebaulöcher in der Größe von kleinen europäischen Staaten und soll nun auch noch mit Atomkraft betrieben werden. Fehlt nur noch, dass das Ganze dann als Beitrag zur Reduzierung von Treibhausgasen deklariert wird.

  1. etwa 3mal mehr als bei konventioneller Produktion []

Der Reaktor brennt (nicht)

Geschrieben von Richard am 6 Jul 2007 |

Im Atomkraftwerk Krümmel bei Geesthacht kam es in der letzten Woche zum Störfall Nummer 15 in den 24 Jahren seit Inbetriebnahme. Zunächst hatten die Betreiber einen Brand in einem der beiden Transformatoren eingeräumt. Dieser Artikel in der Zeit berichtet jedoch unter Bezugnahme auf die Gesellschaft für Reaktorsicherheit etwas detaillierter über die Vorgänge am letzten Donnerstag:

Nach Angaben der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) in Köln waren drei Pannen aufgetreten: Zunächst habe ein Hochspannungsschalter zwischen Kraftwerk und brennendem Trafo nicht ordnungsgemäß unterbrochen, sodass weiterhin Kraftwerksstrom mit 380.000 Volt in die funktionsuntüchtige Umspannanlage floss. Später sei eine Pumpe nicht angesprungen, die die Kernbrennstäbe vor dem Überhitzen schützt. Außerdem hätten Sicherheitsventile, die einen Überdruck im Reaktor verhindern sollen, möglicherweise erst zu spät geschlossen.

Wir haben alles unter Kontrolle. Weiter liesst man da:

Im Normalbetrieb ist die “Reaktorspeisewasserpumpe” dafür zuständig, den Wasserpiegel im Druckbehälter des Reaktors konstant zu halten. In diesem Wasser befindet sich der Uran-Brennstoff. Der erhitzt das Wasser, das an seiner Oberfläche verdampft und im oberen Teil des Kessels als heißes Wassergas aus dem Reaktorgebäude hinaus in die Maschinenhalle geführt wird, wo es die Turbine zur Stromerzeugung antreibt. Für gewöhnlich liegt der Uran-Spaltstoff mehrere Meter unter der Wasseroberfläche, um das Material zu kühlen und eine Kernschmelze zu verhindern. Die Speisewasserpumpe führt dem Behälter immer so viel Wasser zu, wie durch das Abdampfen an der Oberfläche verloren geht. So bleibt der Wasserstand konstant.

Während des Störfalls sei der Spiegel jedoch um ein bis zwei Meter gefallen, sagt Horst May von der GRS.

Ein bis zwei Meter? Meine Güte. Wieviel ist das denn bezogen auf den Gesamtwasserstand im Reaktor?

Im Störfall gehört es offenbar zu den Prozeduren, dass die dann Speisewasserpumpe für den Reaktor aus dem öffentlichen Stromnetz versorgt wird. Nach dieser Umschaltung hat die Pumpe aber gar nicht mehr funktioniert.

Nach einem kurzen Neustart sei sie [die Pumpe] “möglicherweise durch einen Fehler in der Leittechnik” vielmehr dauerhaft ausgefallen.

Fehler in der Leittechnik? Klingt wie der Ausredenabreisskalender eines Systemadministrators. Naja, kann ja mal was ausfallen. Ist ja bestimmt alles redundant ausgelegt.

Nach dem Schaden an der Pumpe sprang jedoch keines der Ersatzgeräte an, wie die GRS berichtet.

Das erinnert mich alles irgendwie an einen Schiffbrüchigen in einer Nussschale mit 10 Löchern, in denen jeweils ein Finger steckt und der immernoch behauptet, es ginge alles prima.

Aber Atomkraft ist eine total tolle und saubere Sache. Und Technik ist unter allen Umständen und immer beherrschbar. Und nach Ansicht der GRS sei zwar nicht alles reibungslos verlaufen, aber im Großen und Ganzen sei das schon alles innerhalb normaler Parameter gewesen. Naja.


Kopfkino und Angsthaushalt (mit lauter Fussnoten)

Geschrieben von Richard am 5 Jul 2007 |

Wer schon mal länger als 3 Minuten mit einer Frau verbracht hat, kenn das Phänomen: Man(n) sitzt gedankenversunken im Liegestuhl einer Strandbar und das Gespräch mit der Begleitung, der man im Idealfall eine nicht unerhebliche Zuneigung entgegenbringt, ist angenehm abgeebbt und irgendwo zwischen ‘war ein harter Tag aber hier ist’s wirklich schön’ und ‘dashamwirunsabbaverdient’ versickert, wie das Wasser in einem Wadi in Nordafrika. Man(n) geniest den lauen Sommerabend, nippt am zwar total überteuerten aber wenigstens kühlen Bier und ist sich selbst genug. Reden ist nicht nötig.

Man(n) glaubt sich und die Welt ringsum in bester Ordnung und gibt sich dem trügerischen Gefühl hin, der weiblichen Hälfte ginge es mindestens genau so. Da braut sich aber schon Schlimmes hinter der schönen Stirn der Angebeteten zusammen. In der Zeit, die Man(n) mit süssem Nichtsdenken verschwendet hat, war die Zeitbombe im benachbarten Liegestuhl gar nicht faul und hat sich eine nette kleine Wirklichkeit nach watzlawickschem1 Vorbild gezimmert, ohne auch nur ein einziges Mal zwischendurch einen Realitätsabgleich vorzunehmen, geschweige denn das Ziel ihres unmittelbar bevorstehenden Ausbruchs mit Zwischenergebnissen ihres Denkens vorzuwarnen.

“…ja dass passt Dir wieder hervorragend in den Kram! Du hast Zeit mit den Jungs am Samstag zum Spiel zu gehen und ich muss mich im Fitnesscenter abplagen!” schleudert Sie mir in deutlich ungehaltenem Ton entgegen.2 Aus dem Nichts. Ich hebe langsam mein Bier wieder auf (das ich fallen gelassen habe) und stammele reflexartig: “Tutmirleid…” Was aber war passiert?

Nachdem sich direkt vor uns eine Gruppe junger, sportlicher Studentinnen niedergelassen und ich meine Sonnenbrille nicht abgenommen hatte, war der Anlass da und die Holde an meiner Seite begann frei zu assoziieren. Das ging ungefähr so:

Die sind schlank; Ich bin fett; Er guck denen hinterher; Ich bin für ihn nicht mehr attraktiv; Ich muss abnehmen; Hab nur Samstag Zeit, aber keine Lust auf Sport, verdammt!; Wenn ich weg bin, geht er mit den Jungs zum Spiel und hat Spass und ich nicht…

Natürlich war es ein grober Anfängerfehler angesichts der potenziellen Konkurrenz nicht ein bis acht ihrer Vorzüge hervorzuheben oder wenigstens eine Ihrer Ideen zu loben (dezent und glaubwürdig, versteht sich: “Hase, ich hab nachgedacht, Kauf ruhig das neue Geschirr, 24 zusammenhängende Gedecke kann man immer mal gebrauchen!”) Das hätte definitv deeskaliert aber vor dem Hintergrund der relaxten Stimmung ist das Versagen zumindest erklärbar.

Kernproblem aber ist das Weiterspinnen der Gedanken unter fehlender Einbeziehung der (potenziellen) Gesprächsteilnehmer.

Anderes Beispiel abseits der Beziehungsebene: Im Geografieunterricht der 8.Klasse (glaube ich) ging es um die natürlichen Ressourcen der RGW-Länder.

Lehrer fragt: “Von welchem Bodenschatz hat Ungarn bedeutende Vorkommen?”

Schüler antwortet: “Bauxit!

Lehrer: “Richtig. Und was machen die daraus?”

Schüler: “Ikarus-Busse!3

Yeah! Eigentlich nicht gänzlich falsch aber eben unter Auslassung von einigen wesentlichen Zwischenschritten.

An selbiges Phänomen dachte ich gestern, als ich ein Statement von Sigmar Gabriel zum Klimagipfel im Radio anhören musste4, der ungefähr Folgendes von sich gab:

“Der Ausstieg aus der Atomkraft gibt den Bürgerinnen und Bürgern ein größeres Sicherheitsgefühl und wenn sich die Bürger sicher fühlen, kaufen sie sich neue Autos, die dann weniger Benzin verbrauchen.”

Ha! dachte ich im ersten Moment. Da hat er im falschen Moment ein Mikro unter die Nase gehalten bekommen (vgl. oben). Dann, nach kurzem Nachdenken: Aber nein! Das meint der wirklich so! Doppelter Umweltschutz. Weniger Atommüll und weniger CO2. Das da nicht schon eher jemand drauf gekommen ist. Das ist so brilliant. Dann aber begann das Grübeln: Warum zur Hölle sollte mich das neu gewonnene Sicherheitsgefühl dazu veranlassen, ein neues Auto zu kaufen?

Diese Denkaufgabe ist in der Tat für Fortgeschrittene. Dazu zunächst ein wenig Theorie: Seit Anbeginn der Menschwerdung ist Angst eine der elementaren Erfahrungen, die jedes Individuum (bewusst)5 durchlebt. Die Angst ist in erster Linie ein Schutzreflex, der uns in grauer Vorzeit davor bewahrt hat, vom Säbelzahntiger gefressen oder in die benachbarte Höhle verschleppt und dann verheiratet versklavt zu werden. Angst löst Fluchtreflexe aus, sorgt für zusätzliches Adrenalin und mobilisiert physische und psychische Reserven. Angst kann aber auch Individuen überfordern. Deren Angsttoleranz ist dann überschritten und der Angsthaushalt6 ist überlastet. Die Angsttoleranz ist eine individuelle Größe, die gleichsam das maximale Volumen des Angsthaushaltes beschreibt unter Einbeziehung der subjektiven Angstintensität. Idealzustand ist ein gerade eben gesättigter Angsthaushalt. Davon spricht man, wenn der Angshaushalt zu etwa 80% gefüllt ist und die Angstreserve (die oberen 20%) verfügbar bleibt.7

Liegt der Angstpegelstand dagegen deutlich unter dem Idealmass, wenden sich Testpersonen8 schnell und reproduzierbar gefährlichen Freizeitbeschäftigungen9 zu, die in aller Regel aber Kosten verursachen, die am Ende auf die Solidargemeinschaft verteilt werden müssen.

Hier kommt nun wieder Sigmar Gabriel10 ins Spiel. Die fehlende Bedrohung durch Atomkraft und das dadurch entstehende gefährliche gesamtgesellschaftliche Angstdefizit soll nun nach Plänen der Bundesregierung11 durch ein Substitutionsprogramm abgefedert werden. Dieses Substitutionsprogramm ruht im Wesentlichen auf zwei Säulen:

.1 Überwachungsstaat

.2 Autofahren für alle

Für Punkt .1 wird auch ergänzend Terrorgefahr bemüht. Aber hier haben Tests gezeigt, dass damit nicht die erwünschten Substitutionswirkung erzielt werden konnte. So hat man kurzerhand den ersten Therapieversuch (Terrorgefahr) als Rechtfertigung für den Zweiten (Überwachungsstaat) hergenommen. Sehr schlau das.

Punkt .2 funktioniert immer. Ein neues Auto füllt den Angsthaushalt mit mehreren kleinen, gut doiserbaren Ängsten auf wie Verlustangst, Zerkratzangst oder auch Der-Nachbar-hat-ein-Größeres-Angst usw. Damit diese Strategie auch aus dem Mund des Bundesumweltministers glaubwürdig klingt, weist er noch vorsichtig darauf hin, dass die neuen Autos natürlich zur Schadstoffreduzierung beitragen. Damit ist die Saat gelegt (Der Bürger, der das anhört, denkt: ‘Mensch, ein neues Auto habe ich mir wirklich verdient, und jetzt wo die Atomkraft weg ist…’), die Autoindustrie gestützt und der Angsthaushalt gesamtgesellschaftlich kostengünstig verträglich reguliert.
Der Atomausstieg ist ein deutlich komplexeres Problem, als das diese Ökoheinis immer wahrhaben wollen. Da muss man schon mit einem Konzept rangehen.

Faszinierend oder? Selten sind Statements von Politikern einfach nur Geschwafel. Die habens drauf. Auch wenn uns das nicht gleich offenbar wird.

  1. Paul Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit. Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper, München 1976, ISBN 3-492-02182-4 []
  2. ‘What the fuck…?’ []
  3. Richtige Antwort wäre Aluminium gewesen []
  4. obwohl ich mit nicht mehr sicher bin, ob ich da nicht halluzinierte []
  5. das unterscheidet uns vom Tier []
  6. Fachwort []
  7. Darüber wird allerdings auf Angstkongressen und in der freien Amatuerangstszene teilweise sehr kontrovers diskutiert []
  8. das haben klinische und auch empirische Studien eindeutig gezeigt, vgl. dazu Prof.Dr. Friedbert Angst-Hase []
  9. Günxmurfl []
  10. als Teil der Bundesregierung, die hier eng verzahnt agiert []
  11. gewöhnlich gut informierte Kreise haben mir diese Informationen zugespielt []

Öl in Südostasien

Geschrieben von Richard am 25 Jun 2007 |

Wenn man das hier liest, bekommt man direkt Angst, dass die Amerikaner auch Vietnam mal wieder einen weniger freundlichen Besuch abstatten werden (Demokratie und Freiheit im Gepäck, versteht sich). Aber im Moment haben die ja noch genug mit ein paar anderen Brandherden Engagements zu tun. Desshalb: immer Schritt für Schritt. Bei den neokonservativen ThinkTanks steht das aber sicher schon auf der Liste.