Bullshit-Bingo

Geschrieben von Richard am 11 Mai 2009 |

Ein Blick in den Schaukasten der Kleingartenanlage und mein Bullshit-Bingo-Tippzettel war fast voll. Infinitive sind ebenfalls sehr beliebt.


Sicherheit als Kernkompetenz

Geschrieben von Richard am 16 Feb 2009 |

Seit einigen Tagen bekomme ich in mein gmail.com Postfach eine Fülle von Abwesenheitsmeldungen von Leuten, denen ich nie eine email geschrieben habe. Da muss man nicht lange rätseln: jemand missbraucht offenbar meine email-Adresse als reply-to fürs Spammen. Dagegen kann man ja in aller Regel nicht so viel tun. Allerdings ärgert mich das schon ein wenig. Ich habe dann kurz eine Anzeige gegen Unbekannt erwogen, ohne mich der Illusion hinzugeben, dass das irgendwas ändern würde. Und natürlich auch ohne zu wissen, ob das verwenden gefälschter reply-to Adressen in emails überhaupt strafbar ist. Für die Anzeige jedenfalls schien mir die Internetwache angemessen: Dort kennt man sich sicher aus und bei denen kann man so etwas schnell und unkompliziert erledigen. Also hab ich kurz gegoogelt und bin sehr bald fündig geworden. Irgendwie scheint da aber der Admin gerade im Urlaub zu sein (siehe Screenshot). Jedenfalls findet der hilfesuchende, medienkompetente Bürger genau das vor, wovor die Faltblättchen immer warnen: selbstunterschriebene, abgelaufene Zertifikate. Sogar mein Browser warnt mich besorgt davor, das Zertifikat anzuerkennen. Ich habe dann die Idee mit der Anzeige verworfen und dem Admin eine kurze email geschrieben.


Down by the River

Geschrieben von Richard am 12 Aug 2008 |

Wenn so eine innere Unruhe mich plagt und ich das unbestimmte Gefühl habe, irgend etwas tun zu müssen, hilft sehr oft, einfach eine Stunde Rad zu fahren. Das ist dann meistens die 3-Brücken-Tour: Stadtfeld – Sternbrücke – Südspitze Rothehorn – Fussgängerbrücke Rothehorn – Fussgängerbrücke Herrenkrug – Handelshafen und dann mehr oder weniger an der Elbe zurück zur Innenstadt bis nach Stadtfeld. Das sind etwa 20 km und nach einer Stunde habe ich dann eine ausreichende Rechfertigung für das nächste gute (etwas zu üppige) Essen und Trinken. Manchmal mache ich aber auch den Biathlon: mit dem Fahrrad zum Mückenwirt und dort ein paar Seiten lesen. Hier ist dann auch meine Verpflegungsstelle – man will ja nicht dehydrieren – die mich mit gutem isotonischen Weizenbier versorgt. Letzten Samstag hatte ich an den Biathlon gedacht, als ich mich gegen acht meinem Fahrrad anvertraute. Dann kam aber doch alles ganz anders. weiterlesen »


FussballKultur

Geschrieben von Richard am 9 Jun 2008 |

Der Moritzhof hat mir in den letzten Jahren eine Reihe wirklich bemerkenswerter Abende beschert. Großartige Filme habe ich dort zum ersten mal gesehen und bemerkenswerte Stunden mit Livemusik verbracht. Auch Max Goldt und zuletzt Wiglaf Droste habe ich dort erlebt. Nun kann man da auch Fussball gucken. Der Newsletter, der über das aktuelle Programm informiert, liest sich für den 12.06.2008 so:

Donnerstag, 12. Juni
18.00 Uhr FußballKultur zur EM 2008: Kroatien – Deutschland
20.15 Uhr Mr. Shi und der Gesang der Zikaden
20.45 Uhr FußballKultur zur EM 2008: Österreich – Polen

Ich befürchte, diese Kombination wird zum Zusammentreffen völlig unterschiedlicher Interessen führen, bei denen für mich klar ist, wer da den Kürzeren zieht. weiterlesen »


Architektur vom Feinsten

Geschrieben von Richard am 15 Nov 2007 |

Anläßlich eines entspannten Sonntagsspaziergangs im Spätherbst, bei dem ich viel Laub und goldenes Sonnenlicht geniessen konnte, wurde ich auch eines Kleinods moderner Architektur ansichtig, dass sich sensibel und einfühlsam in das Ensemble aus schmuck restaurierten Gründerzeithäusern mit Fachwerkelementen einfügt und unauffällig in sprachlos machender Schlichtheit bezaubert.


Heute morgen beim Bäcker

Geschrieben von Richard am 3 Sep 2007 |

Ich bin morgens auch nicht immer ein Ausbund an Frohsinn, aber was ich heute wieder beim Bäcker erlebt habe, schreit nach Dokumentation.

Ich (beim Betreten des Ladens): “Morgäään!” [wirklich freundlich]

Ich bin dran. Das zeigt mir die Verkäuferin, indem sie sich umdreht und erstmal den Ofen ausräumt. Ok, das muss sein und auf die Minute kommt es ja nun auch nicht an. Dann ist sie fertig und wendet sich mir zu, ohne etwas zu sagen. Das ist offenbar mein Zeichen. Ich formuliere seidenweich meinen Wunsch:

“Ich hätte gern ein Roggenbrötchen.” Yentzieh, dessen Charmeoffensiven an der Fleischtheke unter uns schon legendär sind, wäre stolz auch mich.

Wieder wortlos stopft die Missmutige das heute besonders kleine Teil in eine Tüte und bellt: “Zweiundvierzich!” Seit Douglas Adams wissen wir, dass das die Antwort auf alle Fragen des Universums ist, aber die hatte ich ja noch gar nicht gestellt.

Ich also nun nicht mehr so seidenweich:”Cent nehme ich an?! Bitteschön!” Ich lasse das Geld passend auf den Zahlteller fallen. Im Rausgehen murmle ich noch den Standardgruß: “Vielendankundschönentagnoch!”

Ihre Anwort (unsterblich): “Ok!”

“Wenn ein Tag so wunderschön beginnt, ist alles drin…” textete mal Jürgen “ich hab die hässlichsten Hemden der Welt” von der Lippe in einem Song. Genau so ist es.


Punk ist…

Geschrieben von Richard am 29 Jul 2007 |

…im Stadtfeld vor allem Hundehaufen von wahrhaft biblischen Ausmaßen. Wer jemals im Stadtfeld die Gelegenheit hatte, einen “Ich-schnappe-mal-eben-für-’ne-viertel-Stunde-Luft”-Spaziergang im Dunkeln unternommen zu haben, der weiss, wovon ich rede.

Das sind nicht nur einfach kleine Köddel, die unangenehm im Schuhprofil hängen bleiben und deren angetrocknete Kruste tapfer unterm Schuh durchhält, bis der arglose Träger wiedermal im Auto sitzt und etwas gegen seine kalten Füsse tun will. Dann trifft es um so härter: Das eiserne Herz des 20 Jahre alten Golfs wird warm und er Besitzer entwickelt den üblichen Stolz ob der schadstoffarm schnurrenden Maschine, die nun ihrereseits dankbar die erwärmte Luft in den Innenraum bläst. Natürlich immer auf die Füsse. Die werden wohlig warm und noch bevor der Besitzer der solcherart befriedigter Füsse beginnt, das wirklich toll zu finden, entfalten die kleinen Köddeln ihr grausames Potenzial. Schlimm ist es dann mit Hundescheisse an den Füßen in einem Auto zu sitzen, das sich mit 160 Stundenkilometern einem Stau hinter einer Bergkuppe nähert, der etwa 250 Meter nach der letzten Ausfahrt beginnt und die Lüftung unentwegt offenbart, dass sich die Hundescheiße entschlossen hat, geruchstechnisch deutlich auf sich aufmerksam zu machen.

Nein, das ist noch viel mehr als diese kleinen garstigen Köddel. Stadtfelder Hundeverdauungsergebnisse sind bisweilen so gross, das niemand die Chance hat, sie bis zum Auto zu ignorieren oder gar zu übersehen. Im Moment des Ereignisses sind sie einfach präsent. Wenn sich die Ferse dem Boden nähert, ist das Schicksal besiegelt: der Mittelfuss tritt zuerst in Kontakt mit der braunen Masse, die dann ziemlich rapide unter dem Druck zur Seite ausweicht und sich mit einer strammen Aufwärtsbewegung kraftvoll um den teuer beschuhten schlanken Fuss schmiegt, der seinerseits nur die Bewegung bis zum vollständigen Kontakt mit dem Pflaster ausführt. Der Fuss steht. Und die Wurst des verhaltensgestörten und ohne Zweifel politisch links eingestellten Rottweilermischlings umhüllt ihn innig. Das sind Momente, in denen man den Glauben verliert, dass Hundehalter auch zivilisierte Menschen sein können. Die Punks, die auf den Wiesen im Stadtfeld rumlungern, und denen die Hunde hörig sind, sind es jedenfalls eher nicht. Obwohl ich dem Biertrinken schon am Vormittag manchmal eine gewissen Charme abgewinnen kann, gelingt mir das mit Hundescheisse ganz und gar nicht.

Gehen Punks eigentlich aufs Klo? Oder scheissen die auch einfach in die Wohnung? Das wäre immerhin konsequent.


Zurück vom Wirt

Geschrieben von Richard am 23 Jul 2007 |

dom_stern_elbeAls ich auf mein Rad steige, ist es schon dunkel, also schon wirklich spät. Mist, muss morgen malochen. Also los jetzt. Egoistenradiostöpsel in die trainierten Ohren und entlang der Elbe. -Jesus built my car, Its a love affair- werde schnell schneller, kein Wunder bei der Mucke. Dann aber samtiger -And we gave it time/ All eyes are on the clock/ But time takes too much time/ Please make the waiting stop- blöder Hügel an der neuen Brücke, radle stehend im kleinen Gang und Kreislauf rennt. Oben dann verschnaufen und die samtige Milch genießen. Weiter am General vorbei auf mamornen Wegen mit Sakralem im Blick. Im Ohr die andere Fraktion -I was talking to Jesus through a hole in the floor/ He said our time is up, we can’t stay anymore/ No more- damit gehts gut bis zum bunten Haus. Jetzt der alte Mann, der kurze, laute -But that’s the way I like it baby, I don’t wanna live for ever- treibt mich weiter bis zum Posercafè mit A. Nun ruhiger, mit noch nem alten Mann, einem ganz Großen -And once you’re gone, you can never come back- na DAS werden wir noch sehen! Rolle an Brandt und Köln und Adenauer vorbei und bin fast zu Hause. -With the lights out its less dangerous- naja beim Radfahren nicht. Wie funktioniert nur der blöde shuffle.modus. Immer alphabetisch ist so absehbar…


Der Rettich (reloaded)

Geschrieben von Richard am 23 Jul 2007 |

Der weisse Bierrettich (lat. Raphanus sativus niger albus) scheint so etwas wie der heilige Gral des Einzelhandels zu sein. Er ist aber auch ein Indikatorgemüse: wer’s kennt hat mindestens fünf Jahre Kassenerfahrung. Neulich habe ich mal wieder eine von diesen weissen, eigentlich relativ unspektakulären Wurzeln gekauft. An der Kasse war die junge Dame wieder total überfordert, wie ich das schon vor Jahren erlebt hatte:

“Das is’n Rettich, oder?” der gleiche hilflose Blick wie seinerzeit.

“Ja.”

“Einsneunundsiebzich? Kommt das hin?”

“Nee, neunzehn Cent” “Könnte stimmen.”

“Ok.” Unsicheres Lächeln und Erleichterung im Ausdruck.

Irgendwie habe ich das Gemüse, dass bei mir im Sympatiewert irgendwo zwischen Möhre und Kürbis liegt1, inzwischen echt lieb gewonnen. Werde weiter Rettiche kaufen, nur um zu sehen, ob die Gemüsekenntnisse an diesem Punkt signifikant schlechter sind, als bei Bananen und Lauch.

..tu bi continued…

  1. geht so []

Kopfkino und Angsthaushalt (mit lauter Fussnoten)

Geschrieben von Richard am 5 Jul 2007 |

Wer schon mal länger als 3 Minuten mit einer Frau verbracht hat, kenn das Phänomen: Man(n) sitzt gedankenversunken im Liegestuhl einer Strandbar und das Gespräch mit der Begleitung, der man im Idealfall eine nicht unerhebliche Zuneigung entgegenbringt, ist angenehm abgeebbt und irgendwo zwischen ‘war ein harter Tag aber hier ist’s wirklich schön’ und ‘dashamwirunsabbaverdient’ versickert, wie das Wasser in einem Wadi in Nordafrika. Man(n) geniest den lauen Sommerabend, nippt am zwar total überteuerten aber wenigstens kühlen Bier und ist sich selbst genug. Reden ist nicht nötig.

Man(n) glaubt sich und die Welt ringsum in bester Ordnung und gibt sich dem trügerischen Gefühl hin, der weiblichen Hälfte ginge es mindestens genau so. Da braut sich aber schon Schlimmes hinter der schönen Stirn der Angebeteten zusammen. In der Zeit, die Man(n) mit süssem Nichtsdenken verschwendet hat, war die Zeitbombe im benachbarten Liegestuhl gar nicht faul und hat sich eine nette kleine Wirklichkeit nach watzlawickschem1 Vorbild gezimmert, ohne auch nur ein einziges Mal zwischendurch einen Realitätsabgleich vorzunehmen, geschweige denn das Ziel ihres unmittelbar bevorstehenden Ausbruchs mit Zwischenergebnissen ihres Denkens vorzuwarnen.

“…ja dass passt Dir wieder hervorragend in den Kram! Du hast Zeit mit den Jungs am Samstag zum Spiel zu gehen und ich muss mich im Fitnesscenter abplagen!” schleudert Sie mir in deutlich ungehaltenem Ton entgegen.2 Aus dem Nichts. Ich hebe langsam mein Bier wieder auf (das ich fallen gelassen habe) und stammele reflexartig: “Tutmirleid…” Was aber war passiert?

Nachdem sich direkt vor uns eine Gruppe junger, sportlicher Studentinnen niedergelassen und ich meine Sonnenbrille nicht abgenommen hatte, war der Anlass da und die Holde an meiner Seite begann frei zu assoziieren. Das ging ungefähr so:

Die sind schlank; Ich bin fett; Er guck denen hinterher; Ich bin für ihn nicht mehr attraktiv; Ich muss abnehmen; Hab nur Samstag Zeit, aber keine Lust auf Sport, verdammt!; Wenn ich weg bin, geht er mit den Jungs zum Spiel und hat Spass und ich nicht…

Natürlich war es ein grober Anfängerfehler angesichts der potenziellen Konkurrenz nicht ein bis acht ihrer Vorzüge hervorzuheben oder wenigstens eine Ihrer Ideen zu loben (dezent und glaubwürdig, versteht sich: “Hase, ich hab nachgedacht, Kauf ruhig das neue Geschirr, 24 zusammenhängende Gedecke kann man immer mal gebrauchen!”) Das hätte definitv deeskaliert aber vor dem Hintergrund der relaxten Stimmung ist das Versagen zumindest erklärbar.

Kernproblem aber ist das Weiterspinnen der Gedanken unter fehlender Einbeziehung der (potenziellen) Gesprächsteilnehmer.

Anderes Beispiel abseits der Beziehungsebene: Im Geografieunterricht der 8.Klasse (glaube ich) ging es um die natürlichen Ressourcen der RGW-Länder.

Lehrer fragt: “Von welchem Bodenschatz hat Ungarn bedeutende Vorkommen?”

Schüler antwortet: “Bauxit!

Lehrer: “Richtig. Und was machen die daraus?”

Schüler: “Ikarus-Busse!3

Yeah! Eigentlich nicht gänzlich falsch aber eben unter Auslassung von einigen wesentlichen Zwischenschritten.

An selbiges Phänomen dachte ich gestern, als ich ein Statement von Sigmar Gabriel zum Klimagipfel im Radio anhören musste4, der ungefähr Folgendes von sich gab:

“Der Ausstieg aus der Atomkraft gibt den Bürgerinnen und Bürgern ein größeres Sicherheitsgefühl und wenn sich die Bürger sicher fühlen, kaufen sie sich neue Autos, die dann weniger Benzin verbrauchen.”

Ha! dachte ich im ersten Moment. Da hat er im falschen Moment ein Mikro unter die Nase gehalten bekommen (vgl. oben). Dann, nach kurzem Nachdenken: Aber nein! Das meint der wirklich so! Doppelter Umweltschutz. Weniger Atommüll und weniger CO2. Das da nicht schon eher jemand drauf gekommen ist. Das ist so brilliant. Dann aber begann das Grübeln: Warum zur Hölle sollte mich das neu gewonnene Sicherheitsgefühl dazu veranlassen, ein neues Auto zu kaufen?

Diese Denkaufgabe ist in der Tat für Fortgeschrittene. Dazu zunächst ein wenig Theorie: Seit Anbeginn der Menschwerdung ist Angst eine der elementaren Erfahrungen, die jedes Individuum (bewusst)5 durchlebt. Die Angst ist in erster Linie ein Schutzreflex, der uns in grauer Vorzeit davor bewahrt hat, vom Säbelzahntiger gefressen oder in die benachbarte Höhle verschleppt und dann verheiratet versklavt zu werden. Angst löst Fluchtreflexe aus, sorgt für zusätzliches Adrenalin und mobilisiert physische und psychische Reserven. Angst kann aber auch Individuen überfordern. Deren Angsttoleranz ist dann überschritten und der Angsthaushalt6 ist überlastet. Die Angsttoleranz ist eine individuelle Größe, die gleichsam das maximale Volumen des Angsthaushaltes beschreibt unter Einbeziehung der subjektiven Angstintensität. Idealzustand ist ein gerade eben gesättigter Angsthaushalt. Davon spricht man, wenn der Angshaushalt zu etwa 80% gefüllt ist und die Angstreserve (die oberen 20%) verfügbar bleibt.7

Liegt der Angstpegelstand dagegen deutlich unter dem Idealmass, wenden sich Testpersonen8 schnell und reproduzierbar gefährlichen Freizeitbeschäftigungen9 zu, die in aller Regel aber Kosten verursachen, die am Ende auf die Solidargemeinschaft verteilt werden müssen.

Hier kommt nun wieder Sigmar Gabriel10 ins Spiel. Die fehlende Bedrohung durch Atomkraft und das dadurch entstehende gefährliche gesamtgesellschaftliche Angstdefizit soll nun nach Plänen der Bundesregierung11 durch ein Substitutionsprogramm abgefedert werden. Dieses Substitutionsprogramm ruht im Wesentlichen auf zwei Säulen:

.1 Überwachungsstaat

.2 Autofahren für alle

Für Punkt .1 wird auch ergänzend Terrorgefahr bemüht. Aber hier haben Tests gezeigt, dass damit nicht die erwünschten Substitutionswirkung erzielt werden konnte. So hat man kurzerhand den ersten Therapieversuch (Terrorgefahr) als Rechtfertigung für den Zweiten (Überwachungsstaat) hergenommen. Sehr schlau das.

Punkt .2 funktioniert immer. Ein neues Auto füllt den Angsthaushalt mit mehreren kleinen, gut doiserbaren Ängsten auf wie Verlustangst, Zerkratzangst oder auch Der-Nachbar-hat-ein-Größeres-Angst usw. Damit diese Strategie auch aus dem Mund des Bundesumweltministers glaubwürdig klingt, weist er noch vorsichtig darauf hin, dass die neuen Autos natürlich zur Schadstoffreduzierung beitragen. Damit ist die Saat gelegt (Der Bürger, der das anhört, denkt: ‘Mensch, ein neues Auto habe ich mir wirklich verdient, und jetzt wo die Atomkraft weg ist…’), die Autoindustrie gestützt und der Angsthaushalt gesamtgesellschaftlich kostengünstig verträglich reguliert.
Der Atomausstieg ist ein deutlich komplexeres Problem, als das diese Ökoheinis immer wahrhaben wollen. Da muss man schon mit einem Konzept rangehen.

Faszinierend oder? Selten sind Statements von Politikern einfach nur Geschwafel. Die habens drauf. Auch wenn uns das nicht gleich offenbar wird.

  1. Paul Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit. Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper, München 1976, ISBN 3-492-02182-4 []
  2. ‘What the fuck…?’ []
  3. Richtige Antwort wäre Aluminium gewesen []
  4. obwohl ich mit nicht mehr sicher bin, ob ich da nicht halluzinierte []
  5. das unterscheidet uns vom Tier []
  6. Fachwort []
  7. Darüber wird allerdings auf Angstkongressen und in der freien Amatuerangstszene teilweise sehr kontrovers diskutiert []
  8. das haben klinische und auch empirische Studien eindeutig gezeigt, vgl. dazu Prof.Dr. Friedbert Angst-Hase []
  9. Günxmurfl []
  10. als Teil der Bundesregierung, die hier eng verzahnt agiert []
  11. gewöhnlich gut informierte Kreise haben mir diese Informationen zugespielt []

Hackenporsche

Geschrieben von Richard am 29 Jun 2007 |

An einem Frühlingsnachmnittag im April, der schon erstaunlich warm war, saß ich einmal auf einer Bank in der Magdeburger Innenstadt und beobachtete die vorüber ziehende Bevölkerung. Mich befiel chronisches Schmunzeln ob der dargebotenen Kleinode der (unfreiwilligen) Körperkunst. Die ersten warmen Tage des Jahres ermuntern die Menschen offenbar, ihre im Winter etwas runder gewordenen, kalkweissen oder auch krebsroten Leiber den anderen Eingeborenen zum Geschenk zu machen. Bauchfreie Tops und viel zu kurze, viel zu enge Röcke folterten das Auge des leidenswilligen Betrachters.

Ein junges Mädchen, dass als Gesamtkonzept im Gegensatz zu den anderen Matronen durchaus zu gefallen wusste (jedenfalls mir), kam auf Inlinern relativ geschmeidig durch die Fußgängerzone gerollt und bescherte mir einen kurzen aber nicht minder schönen Tagtraum, bis das Verblüffende geschah: ein mir gegenüber sitzender Rentner hatte neben sich an der Stirnseite der Bank eine dieser Taschen geparkt, die mit Rollen ausgerüstet sind und mit einem Griff gezogen werden können (die Bezeichnung “Hackenporsche” habe ich dafür mal gehört). Diese Tasche war grau und oben offen und bildete ein perfektes Rund. Das junge Mädel auf Inlinern hatte offenbar Sekunden bevor Sie an dem alten Mann vorbei rollte, festgestellt, dass das Eis in der Geschmacksrichtung Malaga (oder irgendwas anderes ekliges), das sie sich ein paar Minuten zuvor beim Italiener an der Ecke gekauft hatte, doch nicht soo toll schmeckte. So entsorgte Sie die Tüte mit einer ziemlich lässigen Handbewegung im Vorbei rollen in einen der Papierkörbe, die oft neben den Bänken in Parks stehen und fuhr geschmeidig ihres Weges. An dieser speziellen Bank stand die Mülltonne jedoch am anderen Ende und so landete die halbe Eistüte im Hackenporsche des Rentners, der so verblüfft war, dass er fast kollabierte.

Die Gutgebaute hat nicht mal gemerkt, was sie da getan hatte und rollte ihres Weges und der Rentner begann mit der üblichen Verzögerung zu schimpfen. Es war hart für mich, nicht vor Lachen zusammenzubrechen und so den geballten Zorn des mit Gehhilfe ausgestatteten älteren Herrn auf mich zu ziehen. Als ich etwa 30 Minuten später dann auf meine Verabredung traf, sah die mich fragend an, weil ich immer noch Tränen in den Augen hatte.


Tim Mälzer und der THW

Geschrieben von Richard am 1 Feb 2007 |

Wenn man 16 ist, ist jeder Samstag Abend ein Kracher. Party, Disco, Mädels treffen und Leute kennenlernen. Wo werden wir an diesem Wochenende unsere Abende mit Leichtigkeit und Dummheiten vergeuden? Wer wird da sein und wer nicht? Schon die Vorfreude und die Frage, ob ich am Wochenende auch in die Disse dürfe, raubte mir spätestens ab Mittwoch den Schlaf. Der Freitag war zu meiner Zeit (Mitte/ Ende der 80er) noch mehr oder weniger tabu. Wir mussten noch am Samstag in der Schule erscheinen, sodass eine gelungene Abendveranstaltung am Freitag eine sinnvolle Teilnahme am Unterricht am Samstag zuverlässig verhindert hätte. Damals hat uns sowas noch mit Sorge erfüllt.

Nun bin ich inzwischen reichlich doppelt so alt und kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass der Samstag abend ein wenig von seinem Stellenwert eingebüßt hat. Die bloße Aussicht auf zuviel Alkohol in dreckigen, schlecht belüfteten, überfüllten Schuppen mit jungen kreischenden Dingern und die Erlaubnis, bis mindestens Mitternacht wegbleiben zu dürfen, erzeugt nicht mehr unbedingt ein langanhaltendes Kribbeln der Vorfreude. (allerdings, jetzt wo ich darüber nachdenke…Alkohol…überfüllt…kreischende junge Dinger…und die Erlaubnis, bis Mitternacht wegbleiben zu duerfen, ist auch nicht bei jedem immer selbstverständlich.)

Jedenfalls bestand ein gelungener Abend in meinem Universum immer auch aus einer guten Portion unvorhergesehener Ereignisse: mit einem Kumpel vom Markt stinkbesoffen Bistrostühle für die WG-Küche klauen, vor grün gekleideten Spielverderbern mit Blaulicht flüchten, amerikanische Football-Trainer kennen und Kautabak fürchten lernen, eine schöne Unbekannte treffen und sie in einer Frühlingsnacht für die wage Hoffnung auf einen Kuss quer durch die Stadt nach hause begleiten.

Solche Dinge eben, die Abende zu Legenden machen und die noch erzählt werden, wenn man(n) alt und grau ist. Einen solchen Abend kann man nicht planen aber man kann zumindest die Rahmenbedingungen herstellen: Kumpels und Ausgang! Beides war vorhanden, als wir im letzten Jahr mal wieder in kleiner Runde unterwegs waren. Die Taschen waren voller Geld, das nur darauf wartete, in die schmierigen Finger von halbseidenen Barkeepern zu gelangen.

Zuerst zur Einstimmung ein Spiel des SCM. Heute sogar gegen den THW, wobei der THW ja sowas wie Bayern München und den BFC in der Handballbundesliga auf sich vereint. Bayern München als Rekordmeister (ok Gummersbach hat auch ne Menge Meistertitel) und BFC weil immer auch ein bissel der Schiedsrichter hilft so wie früher bei Mielkes Lieblingsclub. Da kann man sich immer so schön ‘drüber aufregen. Und so ist es dann auch, obwohl heute die Schiedsrichter haarsträubende Fehlentscheidungen in beide Richtungen treffen, sodass die zahlreich angereisten Knastbrüder, die sich selber Zebras nennen, auch was zum Aufregen haben. Wir haben ganz gute Stehplätze und das Spiel ist ausgewogen bis spannend, obwohl der THW eh schon Meister ist und auch für den SCM nicht mehr viel zu reissen ist in dieser Saison. Die Kieler spielen mit und der SCM schlägt sich mal wieder fast selber. Neben genialen Spielzuegen fallen Profis auf, die nicht (immer) den Ball fangen können. Am Ende gewinnt der SCM mit knappem Vorsprung und die Fans hatten Spass und Spannung und gehen zufrieden nach Hause.

Nach einem kurzen Abstecher in die Feuerwache, die für uns an dem Abend gar nicht funktioniert (Publikum schwingt nicht auf unserer Wellenlänge; das war auch schon anders, wir hatten schon legendäre Abende dort), zieht es uns zum Hassel.

In der Bar am Hassel tun die ansehnlichen aber immer etwas unterkülten Bedienungen ihren Job professionell und abgebrüht. Jeder Gast, der glaubt angeflirtet zu werden, erliegt der perfekten Illusion, die die Mädels vermutlich in hunderten durchkellnerten Nächten solange optimiert haben, bis sie jeden Gast spielend und zielsicher an sein persönliches Trinkgeldmaximum treiben konnten. Alles ist wie immer und wie wir noch so überlegen, wie wir mit dem Feuerwachetrendwandel umgehen sollen, sagt Yentzieh neben mir ganz beiläufig:
“Da hinten sitzt er übrigens.”
“Wer?”
“Tim Mälzer”
“Ach Blödsinn!”
Wir hatten gerade vor einer Stunde darüber gesprochen, dass besagter Fernsehkoch am Abend eine Kochshow in der Stadthalle präsentiert hat.
“Klar, guck selber!”
Und er hat recht. Tatsächlich sitzt in einer Nische der Tim und unterhält sich angeregt mit einem Gegenüber.

Mir persönlich haben sich ja diese Idol-Fan-Beziehungen nie wirklich erschlossen. Kreischende Kinder, die auf Robbie Williams oder die Beatles (die cooleren natürlich eher auf die Stones) oder Tokio Hotel warten, liegen ausserhalb meiner Erfahrungswelt. Man kann Musik toll finden, ehrlich begeistert und mitgerissen sein, das Zusammenspiel der Musiker bewundern und eine Band als ganzes für ihr Schaffen verehren. ok. Das habe ich auch schon bei Pearl Jam, Metallica den Red Hot Chili Peppers oder den Beatsteaks erlebt. Das mündete jedoch niemals in Verehrung für die Personen, die hinter diesen Leistungen stehen. Ich würdige eher die Leistungen, wie ich anderer Menschen Arbeitsleistungen ebenso würdige. Das Produkt ihres Schaffens und Tuns gefällt mir und begeistert mich bisweilen. Auch was Max Goldt oder Wiglaf Droste so schreiben und eben auch was der Mälzer so kocht.

Nach einer ganzen Weile des Werkstudiums (in manchen Fällen auch des Konsums) bildet man sich dann langsam ein, eine ganze Menge über den Star zu wissen, ihn quasi zu kennen. Obwohl das natürlich völliger Quatsch ist. Das ist bei Tim Mälzer auch der Fall. Allerdings lässt er die Zuschauer auch mehr oder weniger intensiv an seinem Leben teilhaben und erzählt Stories aus seiner Jugend und läd Leute in seine Sendung ein, mit denen ihn gemeinsame Geschichten verbinden.

Irgendwann stehe ich also neben Tim am Urinal und spreche ihn an:
“Du bist doch der Tim Mälzer, oder?”
“Yo!”
“Cool!” gebe ich zurück.
“Wie jetzt?! Das erschliesst sich mir nicht so ganz. Ich stehe doch nur hier und pisse. Was ist denn daran cool?” freundlich aber auch leicht amüsiert über die wirklich dämliche Anquatsche grinst Tim mich an. Jetzt muss mir was einfallen sonst geht das voll in die Hose.
“Naja ich habe nur versucht deine Art zu kochen, deine blöden T-shirts und den Humor des Teams in einen Wort zu kondensieren.
Nicht schlecht, wie ich finde. Tim findet das wohl auch:
“Oh. Ok. Danke. Du siehst also meine Sendung regelmäßig?”
“Regelmäßig ist wohl übertrieben aber ich hab schon ein paar Folgen gesehen. Und der Tomaten-Brotsalat hat mächtig Eindruck auf diverse Frauen gemacht.” Ich grinse dämlich.
“Cool!” sagt er jetzt, obwohl ich sicher bin, das er solcherart Lob nicht so selten hoert.
“Du kannst kochen?” fragt er mich.
“Warum nicht, du kannst es doch auch!” und dann rede weiter:
“Man muss es mögen, dann geht es fast von allein. Ich beneide euch Profiköche lediglich um die solide handwerkliche Ausbildung, Produktwissen, den Überblick, die Standards die immer funktionieren und die Routine und Praxis. Sowas erarbeiten sich Amateuere in einem Leben Kocherfahrung. Aber dafür kannst Du ja vermutlich nicht programmieren, oder Blinddärme entfernen oder altgriechisch oder Haare schneiden.” Ich sehe Tims Frisur und lege nach: “Naja das mit den Haaren funktioniert für dich vielleicht. So wie das Spiegelei des 14 jährigen Schülers.” Tim lacht. Wir sind auf dem Weg zurück zur Bar.
“Wie gefällt dir Magdeburg?” frage ich nach.
“Keine Ahnung, bin nur im Hotel und in der Veranstaltungshalle gewesen. und in dieser Bar natürlich.” Tim kratzt sich am Kopf.
“Ist eigentlich sehr schade, dass ich selten wirklich etwas von den vielen kleinen und mittleren Städten zu sehen bekomme, in denen ich Shows habe, aber so läuft das nunmal in dem Geschäft.”
Ich nicke, als wüsste ich, wovon er redet.
“Naja, wenigstens kommst du ‘rum.” sage ich.
“Das liegt doch an jedem selber. Es zwingt dich doch niemand, immer an dem selben Ort zu hocken. Schon als mich noch keiner kannte, habe ich es noch nie lange am selben Ort ausgehalten. Es hat mir immer gereicht, sicher zu sein, dass ich irgendwohin zurückkehren konnte. Ein zuhause zu haben ist wichtig, besonders wenn man viel unterwegs ist.” ich nicke immernoch.
“Was trinkst du?” fragt Tim.
“Margerita.”
“Ok.” er gibt der zauberhaften Bedienung ein Zeichen.
“Die Cocktails sind hier gut gemacht. Wir haben als Studenten immer Tequila pur getrunken. Es gab eine Zeit, da war das mit dem Salz auf dem Handrücken und der Zitrone danach ziemlich cool. Irgendwann hat mich das Gematsche und die ewig klebrigen Finger nur noch genervt und ich musste bis nach New Mexico reisen, um die Margerita für mich zu entdecken.”
“Und wie war das mexicanische Essen?” fragt tim.
“Naja, ich mag scharfe Sachen.” sage ich und nehme kurz einen Blick von der Bedienung auf. Tim merkt das und stimmt zu.
“Diese ewigen Jalapenios und scharfen Eintöpfe mit Bohnen und gegrilltes Feuerwehrhühnchen und so weiter sind allerdings nichts, mit dem ich ein lebenlang meinen Energiebedarf decken möchte. Ist mal ganz nett aber auf Dauer ist das so, als würde man jeden Tag einen Esslöffel Rohrfrei aufgelöst in heisser Bateriesäere auf ex trinken.”
Tim nickt.
Ich rede weiter:
“Letztens hatte ich mal eine Pizza “Mexicana”, grundsätzlich sehr lecker, Rinderhack, rote Zwiebeln, Bohnen, eine Salsa aus Tomaten und Zwiebeln, die eine angenehme Süsse mit nicht zu dominanter Schärfe verband. Und was machen die Idioten in der Pizzeria? Die legen Chilischoten auf die Pizza. Schlimmster Sorte. Kennst du das Gefühl, wenn etwas so scharf ist, dass man davon Schluckauf bekommt, und nur noch so ein fast kitzelndes Kratzen am Gaumen spürt beim Essen?

So geht das noch eine ganze Weile. Wir reden natürlich über gutes Essen. Ich lobe seine einfachen Gerichte, lasse mich über Apfelcrumble, Kotteletts mit Apricosen, die unzähligen Salate, die Sandwiches zum Fussball (Rinderhackburger, frischer Salat, Saucen) und natuerlich die Grillrezepte aus, die ich zum Teil wirklich ausprobiert habe. Ich berichte vom Apfelstrudel meiner Großmutter, den ich schon fast genauso hinbekomme und die Leberreissuppe, an die ich mich noch nicht rangetraut habe (dabei ist die einfach: Leberknödelmasse durch ein grobes Sieb in heisse selbstgemachte Brühe streichen – die perfekte Vorsuppe, weniger aufdringlich als die ewigen Leberknödel von Tennisballgröße, die in kaum größeren Tassen stecken – Tim verspricht sie auszuprobieren). Ich rege mich über diese ganze Merchandising-Kacke auf. Kochbücher ok! Aber wer braucht Tim-Mälzer-Kochzangen, die er nicht mal erfunden hat, sondern nur benutzt, oder Tim-Mälzer-Schürzen mit diesem born-to-cook-Aufdruck, oder Tim Mälzer Brötchen bei meinem Bäcker um die Ecke, mit echtem Malz gebacken (haha, was für ein Kalauer). Das finde ich alles überflüssig. Tim zuckt mit den Schultern und sagt etwas über das Team und die Produktion, die ja auch Leben muss. Es ist eben eine Gratwanderung. Das ist sicher so, allerdings gibst Du für Dinge Deinen Namen her, die Du irgendwann nicht mehr wirklich kontrollieren kannst und dann droht es unglaubwürdig zu werden.

Ja so hätte eine Begegnung laufen können. Viel warscheinlicher wäre allerdings ein dreizeiliger Smalltalk, höflich, freundlich, vielleicht auch witzig, aber immer auch distanziert. Verständlich. Der Fan weis ne Menge über den Star (glaubt das zumindest) und nichts über den Menschen (merkt das aber nicht). Und der Star weis gar nichts über den Fan. Wozu auch? Wenn Stars abends privat in Bars sitzen, sind sie eben nicht der Star sondern der Mensch dahinter. Und der ist oft erstaunlich unspektakulär. Und will vor allem eben kein Gespräch mit einem Unbekannten aufgedrängt bekommen. Also lassen wir Sie einfach in Ruhe und ignorieren sie. Das haben sie (nicht anders) verdient.

Den Mälzer haben wir wirklich getroffen, allerdings hat das den Abend nicht merklich bereichert. Wir sind eben nicht mehr 16 …

Inzwischen sehe ich die Kochsendung seltener. Einige Rezepte sind jedoch haften geblieben. Und auch der Stil: Einfach, dicht an den hochwertigen Produkten, ohne viel Zauber. So wie auch Jamie Oliver das schon vor Tim populär gemacht hat. Danke dafür und alles Gute, Tim!

Und Jungs: Wir waren lange nicht in der Feuerwache! Wir müssen mal wieder um die Häuser ziehen!


We are Motörhead and we play Rock’n’Roll!

Geschrieben von Richard am 18 Dez 2006 |

Wenn man zu einem Rockkonzert geht, hat das bisweilen schon etwas von einem Sprung in ein Paralleluniversum. Zeuge, bzw. Subjekt eines solchen Sprungs wurde ich am letzten Freitag, als Ian “Lemmy” Kilmister mit dem Rest von Motörhead sich dem dreckigen, verlausten und vor allem total besoffenen “Publikum” im AMO zum Geschenk machte. Naja, verschenkt haben sich die Rocker natürlich nicht: ca. 35 Euronen wollten die Veranstalter für den Tinnitus haben, den man garantiert mit nach hause nehmen konnte, wenn keine Stöpsel in den Ohren waren.

Mit Stöpseln in den Ohren, alten Klamotten und einer gehörigen Portion Gleichmut muss man solchen Ereignissen entgegensehen, um dann auch die Performance der Künstler richtig geniessen zu können. Anders gesagt, sei vorbereitet, wenn Du Dich als durchschnittlich musikinteressierter Mensch auf Motörhead einlässt.

Um es Vorweg zu nehmen: Lemmy rulez! Geil von vorn bis hinten. Die alten wie die neuen Stücke kamen mit Gewalt und natürlich Lautstärke über mich herein. Das was man erwartet. Geradlinig, kompromisslos, hart. In der Zugabe kam dann neben einem phantasitischen Drummsolo und einem Accoustic-Stück auch noch das Unvermeidliche “Ace of Spades”; damit hatte das Jack-Daniels-Maskottchen die tobende Meute dann endgültig im Sack. Danke Lemmy!

Als Special Guest war “MELDRUM” angekündigt. Was wir dann sahen, sah aus, wie der feuchte Traum eines pekigen Metallers: eine Band bestehend aus 3 Frauen und einem Drummer und mindestens einem Doppelpack in DD. Das war wohl auch der Grund, warum der Veranstalter die “Sängerin” überhaupt auf Bühnen lässt. Selbst Lemmy hat Angst.

Dem vornehmlich männlichen Publikum hats offenbar gefallen, was dann auch die meisten durch die typischen “Ausziehen!….Ausziehn!”
Sprechchöre zum Ausdruck brachten. Als Anerkennung für die musikalische Performance lässt sich das nur schwer umdeuten.
Allerdings hatte die Frontfrau auch keine Scheu, ihre Vorzüge mit jeder Bewegung zu präsentieren und am Ende hätte es mich nicht gewundert, wenn sie den Forderungen der lederbehosten, bierseeligen Erstebisfünfte-Reihe-Stehern nachgekommen wäre.

Damit sind wir schon beim Publikum. Mindestens ebenso präsent und “interssant” waren die Leute um einen ‘rum. Bier war billig: 2 Euronen für einen meistens vollen Plastebecher, darum floss es wohl in Strömen. Schon vor Ende des Meldrum-Specials waberte der Duft von Halbverdautem durch den Raum. (Wichtige Regel: Wenn jemand auf nem Konzert mit dicken Backen und Panik im Blick zum Ausgang stolpert: Geh zur Seite!)

Schon bevor überhaupt ein Riff vom Hauptact zu hören war, waren manche “Gäste” so hackedicht, das die wirklich nix mehr mitbekamen. Verstehen werde ich das wohl nie: Die geben 35 Öcken aus, um dann sturzbesoffen im eigenen Mageninhalt rumzustolpern, waerend Rocklegenden ihnen die Trommelfelle rauspusten. Das hab ich schon in Bremen bei Metallica erlebt.

Apropos Bremen. Das Konzert im Weserstadion hat sich auch desshalb besonders in mein Hirn eingeraben, weil irgendwelche Bekloppten mit Urin gefüllte Becher in die Menge schmissen. Das können nur Bremer.
Obwohl diesmal im AMO das Männerklo (!) ständig überfüllt war (das hab ich sonst immer nur bei Frauen gesehen), kam keiner auf die Idee, in Becher zu pissen.

Auch das Anmachverhalten (Flirttaktik kann man das beim besten Willen nicht nennen) war unterirdisch. Eine gute Freundin (A.) berichtete von Typen, die nicht müde wurden, Ihr zu versichern, welch hübsches Gesicht sie hätte, wärend Sie mit halboffenen, glasigen Augen schwankend in ihren Ausschnitt starrten. Eigentlich ist A. dafür bekannt, solche Typen mit Sprüchen auflaufen zu lassen, die bei halbwegs vernunftbegabten Männern ungefähr so wirken wie ein Tritt in die Weichteile, insbesondere wenn die Kumpelz daneben stehen. Die Exemplare vom Freitag grinsten nur unsicher. Vermutlich waren sie nicht sicher, ob das jetzt gut war, was sie da gehört hatten.

Naja, beim regelmäßigen Hirnwegsaufen sollte man nicht zu konsequent sein, wenn man eh schon nicht so viel davon hat.
Aber irgendwie entspannt es ja auch, und bewältigt Stress…und produziert Geschichten.

Zum Schluss rief Lemmy nochmal “We are Motörhead, and we play Rock’n'Fuckin’ Roll. Don’t forget us!”

We won’t, Lemmy!


(R)eiterball

Geschrieben von Richard am 18 Jun 2004 |

Sommer ist eine großartige Jahreszeit. Die kulturellen Angebote sind ebenso zahlreich wie die Parties und die Leute meistens aufgeschlossen und gut drauf. Manchmal nehmen Begegnungen mit Artgenossen allerdings auch unverhoffte Wendungen. An einem Samstag Abend hatten wir uns das Jazz-Festival im Herrenkrug ausgesucht. Nachdem ich besagtes Festival verlassen hatte, von dem mir neben dem hohen Niveau der wahrhaft hochtalentierten und meisterhaft improvisierenden Musiker vor allem das hohe Niveau der Bierpreise und das Fehlen von ausreichend Mülltonnen im Hirn haften geblieben war, hab ich mich von Freunden zum Reiterball nach ******* (setzt hier bitte irgendeinen kleinen Ort in Ostelbien ein) entführen lassen. Anja hatte das tiefe und unstillbare Bedürfnis, diese kulturelle Supernova am Himmel des Nachtlebens dieser pulsierenden und dampfend Leben atmenden Metropole im Herzen des ostelbischen Kiefernbestandes mit ihrer Anwesenheit zu bereichern. Da Yentzie und ich nun wahrlich keine Langweiler sind und eigentlich auch zu ziemlich vielen Schandtaten bereit, brauchte Anja uns nicht lange bitten: die Aussicht auf ein Bier und eine möglicherweise interessante Erfahrung waren Motivation genug. Allein die Sorge um das passende Outfit trieb mich um. Zu Unrecht wie sich recht bald erweisen sollte.
Das Wörtchen “Ball” in der Bezeichnung der Veranstaltung rief mir Assoziationen mit Wiener Bällen ins Hirn, die im Allgemeinen nur Inhabern von gutem Aussehen, feiner Garderobe und unanständig teuren Eintrittskarten vorbehalten bleiben. Abgesehen vom guten Aussehen verfügen wir allerdings über derlei Voraussetzungen im Allgemeinen nicht. Und im Besonderen lagen wir noch kurz vorher im Gras und tranken Bier aus Plastebechern. Mit solcherlei Gedanken ausgestattet trafen wir in ******* ein. Es hatte Züge einer Zeitreise, einer Dimensionen überspannenden Odyssee, was uns da wiederfahren ist. Eben noch saß ich wohlbehütet in einem Ingolstädter Luxuswagen bei erlesener Musik, fand ich mich Sekundenbruchteile später in einem Paralleluniversum wieder, dass im konkreten Fall in einer dörflichen Mehrzweckhalle angesiedelt war, die angefüllt mit stinkbesoffener Dorfjugend und akustisch verseucht mit schlimmsten 80er-Jahre-Popverbrechen (Modern Talking, Fancy und Sandra z.B.) im Wechsel mit Karel Gott und aktuellen “Hits”, die 80er-Jahre-Popverbrechen covern, eine traumatische, ja beinahe lethale Wirkung zu entfalten drohte.

Anpassungsfähige Großstädter wie wir, die im Überlebenskampf des Betondschungels schon so manche schlimme Nacht überstanden haben, reagieren in solchen Fällen mit einem kurzen Irritiertsein, welches von der fieberhaften Suche nach dem angemessenen Verhaltensmuster verursacht wird. Es ist ein bissel so wie das Regeln einer Kamera, die auf plötzlich dramatisch veränderte Lichtverhältnisse reagiert.

Besonders lange dauerte das allerdings nicht. Wir sind ja Profis und flexibel. Im Nu hatte ich ein Bier in der Hand und tanzte zu ABBA’s Dancing Queen. Alles war wieder gut. Zu Dritt standen wir dann noch eine Weile am Rande der Tanzfläche ‘rum und haben uns über die wirklich groben geschmacklichen Verirrungen lustig gemacht, die uns dargeboten wurden. Fette, tätowierte Hüften, die von tarnfarbenen Hosen, mit viel zu tief sitzendem Bund nur mühsam zusammengehalten wurden, furchterregende, rekordverdächtige Plateausohlen (pinkfarben) und wie Pornodarstellerinnen geschminkte (ich musste sofort an Homer Simpsons Schminkflinte denken), solariumsverkokelte Kindergesichter, in denen ständig eine Smirnoff-Ice-Flasche oder eine Zigarette steckte. Selbst diese Ohr-beringten, fitnesscentergestählten, solariumsschwarzen Waschbrettwampen schütten dieses süße Gelumpe in sich rein, als gäb’ es kein Morgen.

Ich bin ja durchaus als jemand bekannt, der das Leben nicht mühsam durch einen Strohhalm aufsaugt, sondern eher mit kräftigen Schlucken aus einer Punica-Pulle in sich ‘reinschüttet. Aus diesem Grunde halte ich auch Hüfthosen (heißen die so?) für eine wirklich wunderbare modische Entwicklung. Miniröcke sind das auch und auch bauchfreie Tops. Für alle diese Dinge gilt: Ist alles sehr schön anzusehen. Und der geneigte Leser möge mir glauben: ich bin wie jeder Mann, sehr schnell visuellen Reizen erlegen, wenn es den Reize im positiven Sinn sind. Aber was da zum Teil von jungen und auch nicht mehr ganz so jungen, offenbar sehr mutigen (oder sollte ich sagen merkbefreiten, in der eigenen Körperwahrnehmung eingeschränkten) Mädels in Missbrauch dieser an sich schönen Bekleidungsform dargeboten wird, lässt mich zum Teil sogar mutmaßen, es handele sich um einen sehr subtilen terroristischen Angriff auf die Grundfesten unserer Gesellschaft. Wir werden da mit unserer eigenen Freiheit und Liberalität geschlagen.

Hüfthosen gehören an schöne Hüften! An nicht zu dürren aber keinesfalls fetten Hüften will ich sie sehen, den ganzen Sommer lang, bis es zu kalt wird dafür. Da ist das sehr in Ordnung. Aber diese preisverdächtigen, McDoof-gemästeten Schinken und Steiße, die zum Teil zu erschreckend jungen Dingern gehören, sollen sich gefälligst in Demut verhüllen, bis mal irgendeine Diät funktioniert hat. Gleiches gilt im übrigen für bauchfreie Mode. Ein Bauchnabel, der aussieht als wäre er von welligem, weißen Pergament umgeben, ist nicht geeignet, mir wohlige Schauer über den Rücken zu jagen. Ein schöner Bauch vermag das sehr wohl.

Es gibt ja auch bauchfreie Mode für Männer. Abgesehen davon, das das mir das irgendwie nicht gefällt, würde ich so etwas schon deshalb nicht anziehen, weil ein winziger Rest von klarem Verstand mir die Selbsterkenntnis gestattet, nicht über einen geeigneten Körper zu verfügen. Dafür bin ich einfach nicht gut genug in Form. Oder anders gesagt: Wer vom Stabhochsprung keine Ahnung hat, der darf nicht versuchen, sich in dieser Disziplin für Olympia zu qualifizieren.

Allerdings ist auch den Objekten unserer Erheiterung nicht lange verborgen geblieben, dass wir nicht mit ihnen sondern größtenteils über sie gelacht haben. Das mögen die aber in der Regel nicht sonderlich. Und wenn die auch sonst nicht so viel merken: Wenn man über sie lacht, reagieren die sehr sensibel. Yentzieh hat dann als erster von uns Dreien erkannt, das es Zeit war zu gehen. Und als ich mir mal die Mühe machte, in die uns umgebenden Gesichter zu blicken, war mir dann auch klar, das wir nicht mehr lange Spaß an uns und unseren schönen geradegewachsenen Nasen haben würden, wenn wir uns nicht gleich verpissen. Es ist ja auch bekloppt, in der Höhle des Löwen über dessen Möbel zu lachen…


Hochwasser

Geschrieben von Richard am 4 Sep 2002 |

Dieser Kelch ist wohl noch einmal an der schönen Landeshauptstadt und ihren im – sogenannten – Speckgürtel gelegenen, besseren Wohngegenden vorübergegangen. Ein paar Keller sind vollgelaufen und es war mal wieder richtig was los. Die Medien berichten von einer Welle der Hilfsbereitschaft. Und in der Tat waren noch nie so viele freiwillige Helfer auf den Beinen, um Sandsäcke zu füllen, Brote zu schmieren und LKW’s mit den eben befüllten Sandsäcken zu beladen, um sie andernorts wieder beim Verstärken von Dämmen einzusetzen. Die Stimmung unter den freiwilligen Helfern war großartig. Es wurde gelacht und gesungen, auch geflirtet und wunderbare leichtbekleidete, schwitzende Frauenleiber bewundert. weiterlesen »


Der Rettich

Geschrieben von Richard am 13 Okt 1999 |

Eine wahre Begebenheit aus dem Spar-Markt in der Großen Diesdorfer Str.

Anlässlich eines normalen Montagseinkaufes trug es sich zu, dass ich einen leckeren Rettich im Gemüseregal entdeckte und ihn Zwecks käuflichen Erwerbs in mein Einkaufskörbchen beförderte. Nach dem Einsammeln einiger weiterer Lebensmittel bewegte ich mich zur Kasse und sortierte mit Kaufabsicht alle begehrten Waren ordentlich auf das Transportband. Wie gewohnt bewegte die blonde (!) Kassiererin alle mit einem Barcode gekennzeichneten Waren an dem Lesegerät vorbei; Ein Piepsen signalisierte erfolgreiches Scannen der erforderlichen Daten. weiterlesen »


Ladenschlussgesetz

Geschrieben von Richard am 7 Mai 1999 |

Für jeden freiheitsliebenden oder einfach nur berufstätigen Bürger ist das bundesdeutsche Ladenschlußgesetz DIE Geißel der modernen Dienstleistungsgesellschaft. Dieser Ansicht sind jedoch nicht alle Zeitgenossen, wie die folgende Geschichte offenbart.

Als beruflich sehr eingebundener Mensch habe ich selten die Gelegenheit, zu “normalen” Zeiten der ach so lästigen Verrichtung der Lebensmitteleinkäufe nachzugehen. Mit normalen Zeiten meine ich die althergebrachten Ladenöffnungszeiten von 10.00-12.00 und von 14.30-18.00, die nur von den Bedienstenden des Einzelhandels als “sozial” eingestuft werden können. Jeder Leser, der nicht dieser Ansicht ist, möge in mein verständnisloses Kopfschütteln über soviel Ignoranz einfallen und es mir gleichtun, indem er diese Öffnungszeiten als menschenverachtend brandmarkt.
Zur Illustration dieser Problematik und der verschiedenen Interessen, die hinter dieser zum Teil sehr emotional geführten Debatte stehen, mag die Schilderung der folgenden Begebenheiten beitragen. weiterlesen »