Heute morgen beim Bäcker

Geschrieben von Richard am 3 Sep 2007 |

Ich bin morgens auch nicht immer ein Ausbund an Frohsinn, aber was ich heute wieder beim Bäcker erlebt habe, schreit nach Dokumentation.

Ich (beim Betreten des Ladens): “Morgäään!” [wirklich freundlich]

Ich bin dran. Das zeigt mir die Verkäuferin, indem sie sich umdreht und erstmal den Ofen ausräumt. Ok, das muss sein und auf die Minute kommt es ja nun auch nicht an. Dann ist sie fertig und wendet sich mir zu, ohne etwas zu sagen. Das ist offenbar mein Zeichen. Ich formuliere seidenweich meinen Wunsch:

“Ich hätte gern ein Roggenbrötchen.” Yentzieh, dessen Charmeoffensiven an der Fleischtheke unter uns schon legendär sind, wäre stolz auch mich.

Wieder wortlos stopft die Missmutige das heute besonders kleine Teil in eine Tüte und bellt: “Zweiundvierzich!” Seit Douglas Adams wissen wir, dass das die Antwort auf alle Fragen des Universums ist, aber die hatte ich ja noch gar nicht gestellt.

Ich also nun nicht mehr so seidenweich:”Cent nehme ich an?! Bitteschön!” Ich lasse das Geld passend auf den Zahlteller fallen. Im Rausgehen murmle ich noch den Standardgruß: “Vielendankundschönentagnoch!”

Ihre Anwort (unsterblich): “Ok!”

“Wenn ein Tag so wunderschön beginnt, ist alles drin…” textete mal Jürgen “ich hab die hässlichsten Hemden der Welt” von der Lippe in einem Song. Genau so ist es.


Grillpfanne, neue (und deren Einweihung)

Geschrieben von Richard am 16 Aug 2007 |

Nachdem ich nun seit Monaten immer wieder um diverse Grillpfannen herumgeschlichen bin, hab ich nun kurzentschlossen eine gekauft. Natürlich braucht man sowas nicht unbedingt. Aber die Grillmarken auf dem Fleisch sehen schon nett aus. Habe das Ganze dann auch mit einem angemessen dekadenten Stück Fleisch eingeweiht. Hier sind die Fotos.

Das, was hier so lieblich in der Pfanne zu schmurgeln beginnt, sind zwei 300g Rinderfilets, frischer Rosmarin vom Balkon und natürlich Knoblauch, mit dem ich die Pfanne vorher ausgerieben hatte.

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Einmal gewendet, so nach 3-4 Minuten, sah das ganze dann so aus:

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Jetzt nochmal 3-4 Minuten auf der anderen Seite und dann noch für 7-8 Minuten im Ofen bei 120°C. Danach lasse ich die göttlichen Stücke immer noch ein paar Minuten in Alu-Folie ruhen.

Dazu gab die bewährte Pilz-Paprika-Zwiebelpfanne, ebenfalls mit Rosmarin, Knoblauch und frisch gemahlenem schwarzen Pfeffer:

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und fertig auf dem Teller, mit frischem Pfeffer:

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Dekadent, ich weis, aber wenn man Tiere schon umbringt, um sie zu essen, soll man sie wenigstens anständig zubereiten1.

  1. frei nach Wiglaf Droste “Wo ißt Gott?” []

Zurück vom Wirt

Geschrieben von Richard am 23 Jul 2007 |

dom_stern_elbeAls ich auf mein Rad steige, ist es schon dunkel, also schon wirklich spät. Mist, muss morgen malochen. Also los jetzt. Egoistenradiostöpsel in die trainierten Ohren und entlang der Elbe. -Jesus built my car, Its a love affair- werde schnell schneller, kein Wunder bei der Mucke. Dann aber samtiger -And we gave it time/ All eyes are on the clock/ But time takes too much time/ Please make the waiting stop- blöder Hügel an der neuen Brücke, radle stehend im kleinen Gang und Kreislauf rennt. Oben dann verschnaufen und die samtige Milch genießen. Weiter am General vorbei auf mamornen Wegen mit Sakralem im Blick. Im Ohr die andere Fraktion -I was talking to Jesus through a hole in the floor/ He said our time is up, we can’t stay anymore/ No more- damit gehts gut bis zum bunten Haus. Jetzt der alte Mann, der kurze, laute -But that’s the way I like it baby, I don’t wanna live for ever- treibt mich weiter bis zum Posercafè mit A. Nun ruhiger, mit noch nem alten Mann, einem ganz Großen -And once you’re gone, you can never come back- na DAS werden wir noch sehen! Rolle an Brandt und Köln und Adenauer vorbei und bin fast zu Hause. -With the lights out its less dangerous- naja beim Radfahren nicht. Wie funktioniert nur der blöde shuffle.modus. Immer alphabetisch ist so absehbar…


Der Rettich (reloaded)

Geschrieben von Richard am 23 Jul 2007 |

Der weisse Bierrettich (lat. Raphanus sativus niger albus) scheint so etwas wie der heilige Gral des Einzelhandels zu sein. Er ist aber auch ein Indikatorgemüse: wer’s kennt hat mindestens fünf Jahre Kassenerfahrung. Neulich habe ich mal wieder eine von diesen weissen, eigentlich relativ unspektakulären Wurzeln gekauft. An der Kasse war die junge Dame wieder total überfordert, wie ich das schon vor Jahren erlebt hatte:

“Das is’n Rettich, oder?” der gleiche hilflose Blick wie seinerzeit.

“Ja.”

“Einsneunundsiebzich? Kommt das hin?”

“Nee, neunzehn Cent” “Könnte stimmen.”

“Ok.” Unsicheres Lächeln und Erleichterung im Ausdruck.

Irgendwie habe ich das Gemüse, dass bei mir im Sympatiewert irgendwo zwischen Möhre und Kürbis liegt1, inzwischen echt lieb gewonnen. Werde weiter Rettiche kaufen, nur um zu sehen, ob die Gemüsekenntnisse an diesem Punkt signifikant schlechter sind, als bei Bananen und Lauch.

..tu bi continued…

  1. geht so []

Kopfkino und Angsthaushalt (mit lauter Fussnoten)

Geschrieben von Richard am 5 Jul 2007 |

Wer schon mal länger als 3 Minuten mit einer Frau verbracht hat, kenn das Phänomen: Man(n) sitzt gedankenversunken im Liegestuhl einer Strandbar und das Gespräch mit der Begleitung, der man im Idealfall eine nicht unerhebliche Zuneigung entgegenbringt, ist angenehm abgeebbt und irgendwo zwischen ‘war ein harter Tag aber hier ist’s wirklich schön’ und ‘dashamwirunsabbaverdient’ versickert, wie das Wasser in einem Wadi in Nordafrika. Man(n) geniest den lauen Sommerabend, nippt am zwar total überteuerten aber wenigstens kühlen Bier und ist sich selbst genug. Reden ist nicht nötig.

Man(n) glaubt sich und die Welt ringsum in bester Ordnung und gibt sich dem trügerischen Gefühl hin, der weiblichen Hälfte ginge es mindestens genau so. Da braut sich aber schon Schlimmes hinter der schönen Stirn der Angebeteten zusammen. In der Zeit, die Man(n) mit süssem Nichtsdenken verschwendet hat, war die Zeitbombe im benachbarten Liegestuhl gar nicht faul und hat sich eine nette kleine Wirklichkeit nach watzlawickschem1 Vorbild gezimmert, ohne auch nur ein einziges Mal zwischendurch einen Realitätsabgleich vorzunehmen, geschweige denn das Ziel ihres unmittelbar bevorstehenden Ausbruchs mit Zwischenergebnissen ihres Denkens vorzuwarnen.

“…ja dass passt Dir wieder hervorragend in den Kram! Du hast Zeit mit den Jungs am Samstag zum Spiel zu gehen und ich muss mich im Fitnesscenter abplagen!” schleudert Sie mir in deutlich ungehaltenem Ton entgegen.2 Aus dem Nichts. Ich hebe langsam mein Bier wieder auf (das ich fallen gelassen habe) und stammele reflexartig: “Tutmirleid…” Was aber war passiert?

Nachdem sich direkt vor uns eine Gruppe junger, sportlicher Studentinnen niedergelassen und ich meine Sonnenbrille nicht abgenommen hatte, war der Anlass da und die Holde an meiner Seite begann frei zu assoziieren. Das ging ungefähr so:

Die sind schlank; Ich bin fett; Er guck denen hinterher; Ich bin für ihn nicht mehr attraktiv; Ich muss abnehmen; Hab nur Samstag Zeit, aber keine Lust auf Sport, verdammt!; Wenn ich weg bin, geht er mit den Jungs zum Spiel und hat Spass und ich nicht…

Natürlich war es ein grober Anfängerfehler angesichts der potenziellen Konkurrenz nicht ein bis acht ihrer Vorzüge hervorzuheben oder wenigstens eine Ihrer Ideen zu loben (dezent und glaubwürdig, versteht sich: “Hase, ich hab nachgedacht, Kauf ruhig das neue Geschirr, 24 zusammenhängende Gedecke kann man immer mal gebrauchen!”) Das hätte definitv deeskaliert aber vor dem Hintergrund der relaxten Stimmung ist das Versagen zumindest erklärbar.

Kernproblem aber ist das Weiterspinnen der Gedanken unter fehlender Einbeziehung der (potenziellen) Gesprächsteilnehmer.

Anderes Beispiel abseits der Beziehungsebene: Im Geografieunterricht der 8.Klasse (glaube ich) ging es um die natürlichen Ressourcen der RGW-Länder.

Lehrer fragt: “Von welchem Bodenschatz hat Ungarn bedeutende Vorkommen?”

Schüler antwortet: “Bauxit!

Lehrer: “Richtig. Und was machen die daraus?”

Schüler: “Ikarus-Busse!3

Yeah! Eigentlich nicht gänzlich falsch aber eben unter Auslassung von einigen wesentlichen Zwischenschritten.

An selbiges Phänomen dachte ich gestern, als ich ein Statement von Sigmar Gabriel zum Klimagipfel im Radio anhören musste4, der ungefähr Folgendes von sich gab:

“Der Ausstieg aus der Atomkraft gibt den Bürgerinnen und Bürgern ein größeres Sicherheitsgefühl und wenn sich die Bürger sicher fühlen, kaufen sie sich neue Autos, die dann weniger Benzin verbrauchen.”

Ha! dachte ich im ersten Moment. Da hat er im falschen Moment ein Mikro unter die Nase gehalten bekommen (vgl. oben). Dann, nach kurzem Nachdenken: Aber nein! Das meint der wirklich so! Doppelter Umweltschutz. Weniger Atommüll und weniger CO2. Das da nicht schon eher jemand drauf gekommen ist. Das ist so brilliant. Dann aber begann das Grübeln: Warum zur Hölle sollte mich das neu gewonnene Sicherheitsgefühl dazu veranlassen, ein neues Auto zu kaufen?

Diese Denkaufgabe ist in der Tat für Fortgeschrittene. Dazu zunächst ein wenig Theorie: Seit Anbeginn der Menschwerdung ist Angst eine der elementaren Erfahrungen, die jedes Individuum (bewusst)5 durchlebt. Die Angst ist in erster Linie ein Schutzreflex, der uns in grauer Vorzeit davor bewahrt hat, vom Säbelzahntiger gefressen oder in die benachbarte Höhle verschleppt und dann verheiratet versklavt zu werden. Angst löst Fluchtreflexe aus, sorgt für zusätzliches Adrenalin und mobilisiert physische und psychische Reserven. Angst kann aber auch Individuen überfordern. Deren Angsttoleranz ist dann überschritten und der Angsthaushalt6 ist überlastet. Die Angsttoleranz ist eine individuelle Größe, die gleichsam das maximale Volumen des Angsthaushaltes beschreibt unter Einbeziehung der subjektiven Angstintensität. Idealzustand ist ein gerade eben gesättigter Angsthaushalt. Davon spricht man, wenn der Angshaushalt zu etwa 80% gefüllt ist und die Angstreserve (die oberen 20%) verfügbar bleibt.7

Liegt der Angstpegelstand dagegen deutlich unter dem Idealmass, wenden sich Testpersonen8 schnell und reproduzierbar gefährlichen Freizeitbeschäftigungen9 zu, die in aller Regel aber Kosten verursachen, die am Ende auf die Solidargemeinschaft verteilt werden müssen.

Hier kommt nun wieder Sigmar Gabriel10 ins Spiel. Die fehlende Bedrohung durch Atomkraft und das dadurch entstehende gefährliche gesamtgesellschaftliche Angstdefizit soll nun nach Plänen der Bundesregierung11 durch ein Substitutionsprogramm abgefedert werden. Dieses Substitutionsprogramm ruht im Wesentlichen auf zwei Säulen:

.1 Überwachungsstaat

.2 Autofahren für alle

Für Punkt .1 wird auch ergänzend Terrorgefahr bemüht. Aber hier haben Tests gezeigt, dass damit nicht die erwünschten Substitutionswirkung erzielt werden konnte. So hat man kurzerhand den ersten Therapieversuch (Terrorgefahr) als Rechtfertigung für den Zweiten (Überwachungsstaat) hergenommen. Sehr schlau das.

Punkt .2 funktioniert immer. Ein neues Auto füllt den Angsthaushalt mit mehreren kleinen, gut doiserbaren Ängsten auf wie Verlustangst, Zerkratzangst oder auch Der-Nachbar-hat-ein-Größeres-Angst usw. Damit diese Strategie auch aus dem Mund des Bundesumweltministers glaubwürdig klingt, weist er noch vorsichtig darauf hin, dass die neuen Autos natürlich zur Schadstoffreduzierung beitragen. Damit ist die Saat gelegt (Der Bürger, der das anhört, denkt: ‘Mensch, ein neues Auto habe ich mir wirklich verdient, und jetzt wo die Atomkraft weg ist…’), die Autoindustrie gestützt und der Angsthaushalt gesamtgesellschaftlich kostengünstig verträglich reguliert.
Der Atomausstieg ist ein deutlich komplexeres Problem, als das diese Ökoheinis immer wahrhaben wollen. Da muss man schon mit einem Konzept rangehen.

Faszinierend oder? Selten sind Statements von Politikern einfach nur Geschwafel. Die habens drauf. Auch wenn uns das nicht gleich offenbar wird.

  1. Paul Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit. Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper, München 1976, ISBN 3-492-02182-4 []
  2. ‘What the fuck…?’ []
  3. Richtige Antwort wäre Aluminium gewesen []
  4. obwohl ich mit nicht mehr sicher bin, ob ich da nicht halluzinierte []
  5. das unterscheidet uns vom Tier []
  6. Fachwort []
  7. Darüber wird allerdings auf Angstkongressen und in der freien Amatuerangstszene teilweise sehr kontrovers diskutiert []
  8. das haben klinische und auch empirische Studien eindeutig gezeigt, vgl. dazu Prof.Dr. Friedbert Angst-Hase []
  9. Günxmurfl []
  10. als Teil der Bundesregierung, die hier eng verzahnt agiert []
  11. gewöhnlich gut informierte Kreise haben mir diese Informationen zugespielt []

Hackenporsche

Geschrieben von Richard am 29 Jun 2007 |

An einem Frühlingsnachmnittag im April, der schon erstaunlich warm war, saß ich einmal auf einer Bank in der Magdeburger Innenstadt und beobachtete die vorüber ziehende Bevölkerung. Mich befiel chronisches Schmunzeln ob der dargebotenen Kleinode der (unfreiwilligen) Körperkunst. Die ersten warmen Tage des Jahres ermuntern die Menschen offenbar, ihre im Winter etwas runder gewordenen, kalkweissen oder auch krebsroten Leiber den anderen Eingeborenen zum Geschenk zu machen. Bauchfreie Tops und viel zu kurze, viel zu enge Röcke folterten das Auge des leidenswilligen Betrachters.

Ein junges Mädchen, dass als Gesamtkonzept im Gegensatz zu den anderen Matronen durchaus zu gefallen wusste (jedenfalls mir), kam auf Inlinern relativ geschmeidig durch die Fußgängerzone gerollt und bescherte mir einen kurzen aber nicht minder schönen Tagtraum, bis das Verblüffende geschah: ein mir gegenüber sitzender Rentner hatte neben sich an der Stirnseite der Bank eine dieser Taschen geparkt, die mit Rollen ausgerüstet sind und mit einem Griff gezogen werden können (die Bezeichnung “Hackenporsche” habe ich dafür mal gehört). Diese Tasche war grau und oben offen und bildete ein perfektes Rund. Das junge Mädel auf Inlinern hatte offenbar Sekunden bevor Sie an dem alten Mann vorbei rollte, festgestellt, dass das Eis in der Geschmacksrichtung Malaga (oder irgendwas anderes ekliges), das sie sich ein paar Minuten zuvor beim Italiener an der Ecke gekauft hatte, doch nicht soo toll schmeckte. So entsorgte Sie die Tüte mit einer ziemlich lässigen Handbewegung im Vorbei rollen in einen der Papierkörbe, die oft neben den Bänken in Parks stehen und fuhr geschmeidig ihres Weges. An dieser speziellen Bank stand die Mülltonne jedoch am anderen Ende und so landete die halbe Eistüte im Hackenporsche des Rentners, der so verblüfft war, dass er fast kollabierte.

Die Gutgebaute hat nicht mal gemerkt, was sie da getan hatte und rollte ihres Weges und der Rentner begann mit der üblichen Verzögerung zu schimpfen. Es war hart für mich, nicht vor Lachen zusammenzubrechen und so den geballten Zorn des mit Gehhilfe ausgestatteten älteren Herrn auf mich zu ziehen. Als ich etwa 30 Minuten später dann auf meine Verabredung traf, sah die mich fragend an, weil ich immer noch Tränen in den Augen hatte.


Marienehe

Geschrieben von Richard am 28 Jun 2007 |

Das ist nicht das, was dem Josef passiert ist, sondern ein Stadtteil von Rostock. resize-of-img_3622Daneben gibts auch noch eine Wohnungsgenossenschaft mit diesem schönen Namen, die in Rostock und Umgebung kräftig Werbung für ihre gut gemeinten Zusatzangebote macht. Und genau so sieht das dann auch aus: Gut gemeint. Das Gegenteil von Gut eben. Da ist eine Frau zu sehen, die offensichtlich von etwas total Tollem so sehr aus dem Häuschen ist, dass ihre Gesichtszüge das zeigen, was sonst vermutlich nur Männer in Parks zu sehen bekommen, wenn sie ihren langen Regenmantel aufreissen. Auch schön ist die Stadtteilseite, die offenbar ein engagierter Einwohner als Hobby betreibt. Modernes Design, logischer Aufbau und technisch anspruchsvolle Umsetzung fällt mir dazu ein. Stöbern lohnt sich.


Löcher in den Socken

Geschrieben von Richard am 25 Okt 2003 |

Replik auf eine Provokation*

Es droht wieder einer dieser heißen Tage im Sommer ’03, den wohl niemand in die Reihe der verregneten Scheiß-Sommer der letzten Jahre einordnen würde; auch nicht der miesepetrigste Miesepeter aus dem schönen MD; (und die sind ja dafür bekannt, nicht unbedingt immer Inhaber der allerbesten Laune zu sein). Ich fahre mit der Straßenbahn zur Arbeit, weil mein Fahrrad einen Platten hat und ich mir immer noch keine neue Luftpumpe geklaut hab.

In der Bahn sitz mir eine junge Dame gegenüber, die diese Bezeichnung nicht im Mindesten verdient. Ihre stelzengleichen Beine stecken in ziegelroten Stoffhosen, die voluminös über die auf monolithischen Blöcken thronenden Füße fällt. Eine blousonartige, khakifarbene Jacke verhüllt die schmalen Schultern und ihre knabenhafte Brust wird von einem gut gepolsterten BH weit nach oben geschnürt. Mir bleibt die Luft weg. Ihr offenbar nicht, denn die Tortur hat noch kein Ende. Ihre vor einiger Zeit gefärbten schwarzen Haare sind zu einem Zopf gebunden, der die Gesichtszüge merklich strafft. Ihr Blick ist leer und böse. Meine Phantasie vermag sich nicht auszumalen, welche Dämonen aus ihr das gemacht haben, was ich anschauen muss. Diese Dämonen höchstselbst müssen wohl auch für die enorme Menge Farben in ihrem Gesicht verantwortlich sein.
Die Bahn hält und die “Dame” begibt sich zur Tür. Noch ehe diese öffnet, brennt ihre Zigarette. Ich sehe den Körper, der einst einem jungen Mädchen gehört haben muss, auf den schwarzen Quadern unbeholfen auf eine Gruppe Gleichgesinnter zustolpern. Prima, denke ich, das kann ja nur noch besser werden.
Ich bin müde.
Mit Freuden kommt mir in den Sinn, dass heute Vormittag die betriebsärztliche Untersuchung ansteht. Das bedeutet im Klartext: zwei Stunden im Wartezimmer sitzen, unterbrochen von der Abgabe einer Urinprobe, einem Sehtest und einem zehnminütigen Gespräch mit der Ärztin der Berufsgenossenschaft, indem sie mir wieder erklärt, wie toll sie das findet, dass mein Drucker im Büro drei Zimmer weiter steht, und ich immer aufstehen muss, um das Papier zu holen. Sie findet das aus rein medizinischer Sicht toll. Wegen dem Rücken und der sonst fehlenden Bewegung natürlich. Wissenschaftlern wie ihr ist so etwas wie Schadenfreude natürlich fremd. Ihr Drucker steht am Fenster. Armlänge entfernt.
Eingebettet wird diese Konversation in einen Vortrag zur richtigen Sitzhaltung am Arbeitsplatz. Wenn die wüsste, wie ich immer auf meinem Stuhl hocke, würde die mich glatt in eine Vorlesung von angehenden ArbeitshygenikerInnen schleppen. Als Anschauungsobjekt. Als ganz schlechtes Beispiel. Sie würde wohl Sätze sagen wie:
“Die Sitzhygiene dieses jungen Mannes ist mangelhaft, meine Damen und Herren!” Dabei würde sie mit einem dieser ausziehbaren Zeigestöcke in Kugelschreibergröße auf mein deformiertes Rückgrad deuten und triumphierend dreinschauen. Das muss ich nicht haben. Ich entziehe mich dem, indem ich ihr über mein Sitzverhalten frech die Hucke volllüge. Kurz denke ich an die jungen, blonden, gut gebauten und meist etwas dümmlichen Dinger, die zweifelsohne im Doppelpack auch in dieser Vorlesung in der ersten Reihe sitzen würden, verwerfe aber den Gedanken ganz schnell wieder.
Die mir gegenübersitzende Betriebsärztin war vermutlich auch mal so ein junges, gieriges Ding. Nach einer Flasche Tequila hat sie dir dann gezeigt, was man mit Handschellen in ihrem Stahlbett so alles anstellen kann. Am nächsten Morgen hatte man dann rote Male an den Handgelenken, rasende Kopfschmerzen, eine tote Katze im Mund und keine Ahnung wie man die verdammten Handschellen wieder aufbekommt, um sich leise zu verpissen.

Wenn sie während des Medizinstudiums nicht immer wieder die gleichen Drogenselbstversuche gemacht hätte, würde sie heute am offenen Herzen operieren und nicht blöde Vorträge über Sitzhygiene halten. Sicher sitzt sie jetzt jeden Abend stumm in ihrem abgedunkelten Wohnzimmer, streichelt ihren kleinen Yorkshire – Terrier mit Schleife auf dem Kopf, starrt die Tapete an und denkt sehnsüchtig an ihr altes Stahlbett.Ich bin entlassen, geläutert, bekehrt. Ich werde noch heute mein Sitzverhalten verbessern. Jawohl. Nur um dem Leben dieser Frau einen Sinn zu geben.

Im Vorzimmer verrichtet eine interessante junge Dame ihr Tagwerk. Ihr mehr als mittellanger Körper steckt in einem etwas zu engen Kittel, der kurz über dem Knie endet. Ich danke dafür. Ihre Haare sind schwarz und kurz. Das Schwarz scheint echt, denn ihre Augen sind es auch. Ich suche nach dem Flaum auf ihrer Oberlippe, den ihr schwarzes Haar und die üppige Behaarung auf ihren Unterarmen vermuten lässt. Nix ist da. Ich überlege kurz, ob ich sie nach der Marke ihres Rasierers fragen soll, weil ich mich mit meinem immer wieder schneide. Ihre Haut ist hingegen glatt und ohne Makel. Ich verwerfe den Gedanken. Es kommt mir unmännlich vor, mir von einer Frau in Sachen Rasur Rat zu holen.
Sie ist eine resolute Person: Mit festem Blick auf mich gerichtet und ausgestrecktem Arm in Richtung Toilette, drückt sie mir mit der anderen einen dieser kleinen Plastebecher in die Hand. Sie unterlässt nicht, mich daran zu erinnern, das Händewaschen nicht zu vergessen.

“…und lassen Sie gleich Ihre Schuhe und die Jacke da, wie müssen Sie noch wiegen!” ruft die mir freundlich zu. Ich denke kurz darüber nach, wie sie das WIR wohl gemeint haben könnte. Ich hab’ zugenommen, ok. Aber ich bin überzeugt, dass ich es auch ohne fremde Hilfe auf die Waage schaffe.
Ich entledige mich also meiner Schuhe und der Jacke. Ich schaue an mir herunter und sehe: zwei Löcher in der rechten Socke…

“Shit!” entfährt es mir leise. Ob der katastrophalen Fußbekleidung wünsche ich ruckartig im Boden zu versinken. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie auf diesen Mangel reagieren wird. Mir muss ganz schnell etwas einfallen. Ich ziehe also die Socke soweit nach vorn, dass ich den entstehenden Zipfel zwischen die Zehen klemmen kann. Die Löcher sieht man nicht mehr, aber laufen kann ich so auch nicht wirklich. Ich habe nun also die Wahl zwischen:
a) Ich habe einen paroxysmalen Klumpfuß, der mir immer mal wieder zu schaffen macht.
–> Nicht so gut, den will sie sicher sehen.
b) Ich hab mir was eingetreten.
–> Das will sie erst recht sehen.
c) Ich bin blöd und laufe gerne so.
–> Das könnte funktionieren.
Dazu kommt es aber nicht. Sie beobachtet mich einfach beim Humpeln mitleidig und schüttelt unmerklich den Kopf. Vermutlich trägt meine Akte jetzt einen kleinen roten Punkt. Den haben alle, denen die Schwester bei der Verabschiedung unauffällig die Adresse eines guten Psychotherapeuten zusteckt.
Nach dem mir die scheiß Waage eine schlichte Frechheit angezeigt und die Schwester mich dazu zwingt, laut vorzulesen, was ich angeblich wiege, humple ich in die Kabine zur Urinabgabe. Ich verkneife mir die nicht unberechtigte Frage nach einem größeren Becher, mach das Ding randvoll und stelle es vorsichtig auf ihren Empfangstresen. Ich humple wieder zurück zum Händewaschen…
Was für ein scheiß Tag, gut das wir uns heute Abend am See auf eine Pizza und eine Kiste Bier treffen.

*Dieser Text entstand aufgrund eines Wortgefechts per e-mail, dass sich entwickelte als uns AR auf eine seltsame ebay-Versteigerung aufmerksam machte. Gegenstand der Versteigerung war eine Diddl-Maus, die mit einem ziemlich witzigen Text angepriesen wurde. Die Versteigerung brachte dem Besitzer besagter Diddl-Maus um die € 50. KS war darüber so entrüstet, dass sich der folgende E-Mail Verkehr zwischen KS und mir ergab:

ks>>> Aktuelles Gebot: EUR 42,38
ks>>> Übersicht: 44 Gebote

ks>>> sind die Leute nur noch bescheuert????
ks>>> ich hab noch ein paar getragene Socken mit Löchern drin unterm Bett liegen
ks>>> … die bringen bestimmt mind. 30,- ?

rr>> klar, wenn du dir eine wilde geschichte ausdenkst, wie die loecher da
rr>> reingekommen sind, in der folgende dinge vorkommen muessen: ein sonniger
rr>> tag am see, eine flasche tequila, zwei blonde, gut gebaute junge damen,
rr>> handschellen, ein rasierer, eine pizza und eine kiste bier. ;)


ks> ahhmmm rico … lass doch einfach deinen gedanken weiter freien lauf …
ks> das wird bestimmt noch interessant *gg*

…..90 Minuten später war die Geschichte fertig.


Hochwasser

Geschrieben von Richard am 4 Sep 2002 |

Dieser Kelch ist wohl noch einmal an der schönen Landeshauptstadt und ihren im – sogenannten – Speckgürtel gelegenen, besseren Wohngegenden vorübergegangen. Ein paar Keller sind vollgelaufen und es war mal wieder richtig was los. Die Medien berichten von einer Welle der Hilfsbereitschaft. Und in der Tat waren noch nie so viele freiwillige Helfer auf den Beinen, um Sandsäcke zu füllen, Brote zu schmieren und LKW’s mit den eben befüllten Sandsäcken zu beladen, um sie andernorts wieder beim Verstärken von Dämmen einzusetzen. Die Stimmung unter den freiwilligen Helfern war großartig. Es wurde gelacht und gesungen, auch geflirtet und wunderbare leichtbekleidete, schwitzende Frauenleiber bewundert. weiterlesen »


Der Rettich

Geschrieben von Richard am 13 Okt 1999 |

Eine wahre Begebenheit aus dem Spar-Markt in der Großen Diesdorfer Str.

Anlässlich eines normalen Montagseinkaufes trug es sich zu, dass ich einen leckeren Rettich im Gemüseregal entdeckte und ihn Zwecks käuflichen Erwerbs in mein Einkaufskörbchen beförderte. Nach dem Einsammeln einiger weiterer Lebensmittel bewegte ich mich zur Kasse und sortierte mit Kaufabsicht alle begehrten Waren ordentlich auf das Transportband. Wie gewohnt bewegte die blonde (!) Kassiererin alle mit einem Barcode gekennzeichneten Waren an dem Lesegerät vorbei; Ein Piepsen signalisierte erfolgreiches Scannen der erforderlichen Daten. weiterlesen »