Unter Null
geschrieben von Richard on 8 Jan 2009
“Leck mich am A*sch, ist das kalt!” hört man dieser Tage häufiger und in der Tat sind in unserer Gegend Temperaturen im zweistelligen Minusbereich an nur wenigen Tagen im Jahr zu messen. Heute morgen zeigte das Thermometer an meinem Fenster -6°C. Vor ein paar Tagen waren es auch schon mal -12°C. Für Kinder im Vorschulalter ist das noch eine Sensation, für alle anderen einfach nur kalt. Der ARD war das gestern einen Brennpunkt wert. “Klirrende Kälte”.
Israelis und Palestinenser bringen sich gegenseitig um, der “Deutschlandfond” droht und der “Gesundheitsfond” verbreitet seit ein paar Tagen den Pestilenzgeruch des dummen und faulen Kompromisses, der alles Schlechte aus verschiedenen Welten wirklich werden lässt. Russen und Ukrainer streiten sich wie jedes Jahr ums Gas (obwohl jetzt schon jeder weis, wie es aussgehen wird) und Apple wird zukünftig auf DRM verzichten. Das alles sind Meldungen, die eher in einen Brennpunkt gepasst hätten, als zwei Tage kalte Luft über Deutschland. Und genau so langweilig ist die Viertelstunde dann auch: Eine Marktfrau sagt, dass es morgens wirklich kalt war in ihrem Verkaufswagen und dass sie sich dick anziehen musste und ein Heizlüfter die ganze Zeit lief (wirklich?!). Ein Klempner berichtet von ein paar eingefrorenen Wasserrohren. Irgendwo ist ein Druckminderer ausgefallen, was zu einem Ausfall der Gasversorgung geführt hat, für ein paar Stunden. Das hatte aber wohl gar nicht so viel mit der Kälte zu tun und noch viel weniger mit Russland und der Ukraine.
Der Gipfel ist dann aber ein Aussenreporter an einer Autobahnraststätte irgendwo südlich von Halle, der über den stiegenden Bedarf an Frostschutzmitteln berichtet. (Ich hab hier auch noch eine heisse Story: Der Speiseeisverkauf kam nahezu zum erliegen! Bankenkrise schuld?). Die Brummifahrer zucken allesamt mit den Schultern, als der Reporter mit der dämlichen Mütze sie nach der Kälte befragt: “Mir egal, hab Standheizung”. Selbst der Dienststellenleiter der Autobahnpolizei weis nichts spektakuläres zu berichten. Mehr Unfälle wegen der Kälte? Das könne man so nicht sagen. Aha, alle Verkehrsteilnehmer seien also besonders diszipliniert? Vermutlich.
Dann kasperte da noch der unappetitliche, unvermeidliche Kachelmann ‘rum und erklärt uns etwas über Kaltluft in Tälern und die langsam gefrierenden Flüsse. Apropos: Das war auch eine Meldung: Schiffsverkehr auf der Elbe und dem Mittellandkanal bei Magdeburg kam nahezu zum erliegen. Das stimmt zwar, hat aber mit dem Eis wenig zu tun. Nach meinem Eindruck sind Frachtschlepper hier ohnehin so selten geworden wie Bären im Harz. Unabhängig vom Pegel oder dem Eisgang.
Alles in allem habe ich eine Viertelstunde Wetterbericht gesehen. Im Brennpunkt. Jetzt ist es kein Format mehr für aktuelle Informationen zu überraschenden und vor allem wichtigen Ereignissen der Zeitgeschichte. Jetzt ist es nur noch Boulevard. Seufz.