Down by the River
geschrieben von Richard on 12 Aug 2008
Wenn so eine innere Unruhe mich plagt und ich das unbestimmte Gefühl habe, irgend etwas tun zu müssen, hilft sehr oft, einfach eine Stunde Rad zu fahren. Das ist dann meistens die 3-Brücken-Tour: Stadtfeld – Sternbrücke – Südspitze Rothehorn – Fussgängerbrücke Rothehorn – Fussgängerbrücke Herrenkrug – Handelshafen und dann mehr oder weniger an der Elbe zurück zur Innenstadt bis nach Stadtfeld. Das sind etwa 20 km und nach einer Stunde habe ich dann eine ausreichende Rechfertigung für das nächste gute (etwas zu üppige) Essen und Trinken. Manchmal mache ich aber auch den Biathlon: mit dem Fahrrad zum Mückenwirt und dort ein paar Seiten lesen. Hier ist dann auch meine Verpflegungsstelle – man will ja nicht dehydrieren – die mich mit gutem isotonischen Weizenbier versorgt. Letzten Samstag hatte ich an den Biathlon gedacht, als ich mich gegen acht meinem Fahrrad anvertraute. Dann kam aber doch alles ganz anders.
Das dies kein gewöhlicher Abend ist, wird in der Rückbetrachtung schon an der Sternbrücke klar. Auch für einen Samstag sind ungewöhnlich viele Leute unterwegs. Selbst der Biergarten am Elbelandhaus (das uns kurz vor Weihnachten seine eigenwillige Interpretation von “Service” näherzubringen die Stirn hatte) ist voll. In einer Ecke hat sich ein Duo mit allerlei Equipment aufgebaut und schickt sich an, offenbar nach einer Pause, mit ihrer Musik fortzufahren. Ich bin erfreut und bleibe kurz, um ein Bob Dylan Cover anzuhören. Es ist nicht zum Niederknien aber wie sich drei gute Stunden später bitter erwiesen haben sollte, war das der letzte musikalische Lichtblick des Abends. Ich ziehe weiter, denn schließlich heißt das Etappenziel Mückenwirt, von dem ich beim Eintreffen vor allem die Schlangen an den Bierständen missmutig zur Kenntnis nehme. Zehn Minuten später habe ich dann endlich ein Weizen in der Hand und stehe (sic!) irgendwo zwischen den gefühlten 2500 Menschen. Sitzen ist nicht mehr möglich. Der Mückenwirt hat Kapazitäten aufgebaut seit dem letzten Sommer und trotzdem kann ich keinen Platz zum sitzen finden. Und ich bin bei weitem nicht der Einzige. Aber Sitzen wird ohnehin massiv überschätzt und so bleibe ich einfach stehen und warte auf die musikalische Performance, die die zwei akustischen Gitarren verheissen, die auf der Bühne auf den nächsten Einsatz warten.
In der Zwischenzeit foltert ein DJ das Publikum mit Wolfgang Petri und Dingen, die man sonst nur aus ZDF-Altersbespassungen kennt. Die Musikmischung entspricht etwa dem worst case von (Silber-)Hochzeiten und runden Geburtstagen ab 50. Der kleinste gemeinsame Familiennenner sozusagen, der heute wirklich sehr klein zu sein scheint. Als dann allerdings das Duo auf die Bühne zurückkehrt, wird auch beim glühendsten Liebhaber von Live-Musik der Wunsch nach einer gepflegten Musikkonserve wach. Ein Garth-Verschnitt (Waynes World, ihr erinnert euch, blondes schulterlanges Haar, Brille, nicht allzu kompetenter Gesichtsausdruck) und eine Art größerer Dirk Bach im weinroten Seidenhemd geben zwar alles, aber wie sich schnell herausstellt, ist das nicht besonders viel. In Vorfreude auf die Live-Mucke hatte ich mir ein zweites Weizen besorgt. Fatale Fehlentscheidung. Ich muss miterleben, wie das singende Seidenhemd das Publikum nötigt, bei Satisfaction mitzusingen (ein Wunder, dass niemand selbige fordert), indem er Einzelnen, die nicht schnell genug abwinken können, sein Mikro unter die Nase hält. Ich finde sowas ja immer extrem unwürdig. Verkauft wird das dann als ganz tolle Partystimmung und mit genug Bier fühlt sich das wohl auch so an. Sehr kleiner gemeinsamer Nenner halt. Für die die es interessiert: das Duo heisst Yellow Times. Ich verlinke das mal nicht (ja, es gibt eine Webseite, und ja, es gibt dort auch Hörbeispiele), weil auch das Webdesign sagenwirmal speziell ist. Aber ich schweife ab.
Ich vernichte das Weizen in Rekordzeit und schlängle mich durch die Massen, die, nichts ahnend von der sie erwartenden netten kleinen Vorhölle, immernoch dem Mückenwirt entgegenstreben. Am Elbelandhaus ist der Bob-Dylan-Imitator schon fertig und trinkt sein mittelmäßig verdientes Bier. Hier gibts also nichts mehr zu sehen oder hören und über die Elbe weht lockend Madonnas “like a virgin” live und die ehrwüdige Württemberg erstrahlt in Festbeleuchtung. OK, wie schlimm kann es noch werden? Ich bin leidensfähig und vor allem neugierig.
In einem kleinen Pavillion auf der flussseitigen Terrasse arbeitet (ja, arbeitet!) ein Trio, bestehend aus einem Keyborder, einem Gitarristen und einer Sängerin, bei der von “touched for the very first time” überhaupt keine Rede mehr sein kann. Dafür scheint sie sich ehrlich zu freuen, wenn sie mit ihrem seelenlosen Geträller mal einen Ton trifft. Auch der Keyborder nickt dann immer anerkennend. Im nächsten Song (habe vergessen, was das war, vielleicht auch verdrängt?) offenbahrt der Gitarrist einen amüsanten kleinen Sprachfehler und Nena’s darauf folgender Leuchtturm erklingt, passend zur 1908 vom Stapel gelaufenen Kulisse, schwerfällig, wie ein kaiserlicher Marsch. Ein Paar, bestehend aus einem sehr dünnen aber großen Mann mit Rundschnitt und Schnurrbart, blass mit Brille, Strickwestover über dem bis oben zugeknöpften Hemd und roter (!) Bundfaltenhose und einer fast ebenso großen aber gar nicht so dünnen Dame mit ebenfalls roter Hose, üppig berüschter halbdurchsichtiger Bluse und Standarddauerwelle tanzt sich die Seele aus dem Leib. Sie vermitteln trotz ihrer leicht grotesken Erscheinung echtes Glück und feiern vermutlich ihren 12. Hochzeitstag oder so. Ein Tisch mit älteren Herrschaften klatsch nach jeder Tanzeinlage Beifall. Eine Oma bewacht die eierschalenfarbige Handgelenktasche des schneidigen Tänzers, aus der ebendieser seiner Partnerin nun ein Taschentuch reicht. Ich habe genug gesehen.
Am alten Festungsgelände unterhalb des Parkplatzes an der Sternbrücke (Ausgrabungen haben dort jetzt die alten Mauern zu Tage gefördert) dringt moderne Musik vom Band zu mir durch den Einlass. Viel ist allerdings auch hier nicht los und der Gedanke an mein Fahrtenmesser, dass ich versehentlich vom Camping noch im Rucksack habe, bewegt mich zum Weiterfahren, obwohl ich damit bei der hier postierten Security sicher viel Spass hätte haben können.
Am Domfelsen hat offenbar auch ein neues Restaurant (Backsteinflachbau, sehr designed, Carpaccio, Rucola und Parmesanhobel in homöopathischer Dosis für 18 Euronen im Angebot) eröffnet. Ich halte kurz und bin erneut begeistert von der Idee, den Domfelsen über eine Treppe begehbar zu machen. Der Fluss, der sich sonst so ausgegrenzt und teilend am Stadtbild vorbeiwälzt, wird mehr begreifbar und erfahrbar. Die Stufen sind gut gefüllt und ein Bierstand versorgt die zahlreichen Nachtschwärmer.
Eigentlich reichts für heute. Auf dem Weg nach hause komme ich (wie immer) an Moll’s Laden vorbei, dessen nicht eben großer Versuchung ich im Allgemeinen leicht widerstehen kann. Nicht so heute. Drinnen ist es nicht besonders voll und die Gästeallokation verrät sofort, worum es geht: RudisResteRampe. So nennen böse Zungen die Ü30 Parties, die allerorten Enttäuschte und solche, die noch nicht einmal das hatten, in billigen Schuppen zu billigem Sangria zusammenführen. An der Bar: 3 Herren um die 40, die sich an ihrem Bier festhalten und unsicher lächelnd den Takt von Cindy Lauper’s ‘Time After Time’ mitnicken, obwohl sie natürlich viel lieber mit dem Typen auf der Tanzfläche tauschen würden, der sich schon genügend Mut angetrunken hatte, um die Endreissigerin vom Mädchenstehtisch gegenüber zum Tanzen aufzufordern.
Der Stehtisch gegenüber ist ein geradzu exemplarisches Beispiel für Richter’s Law. Ein Freund von mir hat mal postuliert, dass auffallend oft ein(e) attraktive(s) Frau/Mädchen mit einer deutlich weniger attraktiven Begleiterin unterwegs ist. Unabhängig vom absoluten Attraktivitätsniveau ist der relative Abstand hierbei immer deutlich spürbar. Das gilt nicht ausschließlich und ist somit natürlich auch kein allgemein gültiges Gesetz im engeren Sinne, die Bezeichnung hat sich aber im Laufe der Jahre eingebürgert und in vielen Fällen als zutreffend erwiesen. Die Ursache für dieses Phänomen haben wir trotz jahrelanger empirischer Analysen jedoch nur hypothesenartig herausarbeiten können: die Attraktiveren unterstreichen mit dem Kontrast ihre eigene Position, die weniger Attraktiven profitieren von deren, durch den Kontrast, gesteigerten Anziehungskraft. So ungefähr muss es funktionieren. Eine Symbiose quasi, eine win-win-Situation.
Ich setze mich ans Ende der Bar und beobachte einen kleinen schmächtigen Glatzkopf, wie er dem Barkeeper(!), vermutlich aus Verzweiflung, ein Gespräch aufdrängelt. Ich kann hören, dass ihm beim formulieren auffallend oft seine eigene Zunge im Weg ist. Der DJ (Mitte 40, schulterlange, grau mellierte Haare, Hemd offen bis zum Bauchnabel) gockelt zum attraktiveren Teil des Mädchentisches und vermindert so die Chancen auf Verpaarung bei den anwesenden Herren nocheinmal drastisch. Ich trinke das kleine Bier aus und fahre nun wirklich nach hause. Der Biathlon heute war anstrengend. Mental und physisch.
Was unter all dem angestrengten “wir machen Party und sind alle so furchtbar glücklich und attraktiv” bleibt, ist die Tatsache, dass die Elbe endlich ihren Platz in der Stadt findet. Die Stadt öffnet sich ihr. Das ist schön. Was auch bleibt, ist die Erkenntnis, das die ewigen Events und Sommerfeste und Nachtflüge und Honkytonks auf Dauer nichts bieten. Aber vermutlich brauchen die Leute einen griffigen Slogan, um vor die Tür zu gehen. Anders ist der Massenauflauf wohl nicht zu erklären. Nur irgendwann gehen eben die Superlative aus und offenbar auch die wirklichen Musiker. Den Wirten wird’s aber egal sein, solange die Leute kommen und trinken.