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FussballKultur

geschrieben von Richard on 9 Jun 2008

Der Moritzhof hat mir in den letzten Jahren eine Reihe wirklich bemerkenswerter Abende beschert. Großartige Filme habe ich dort zum ersten mal gesehen und bemerkenswerte Stunden mit Livemusik verbracht. Auch Max Goldt und zuletzt Wiglaf Droste habe ich dort erlebt. Nun kann man da auch Fussball gucken. Der Newsletter, der über das aktuelle Programm informiert, liest sich für den 12.06.2008 so:

Donnerstag, 12. Juni
18.00 Uhr FußballKultur zur EM 2008: Kroatien – Deutschland
20.15 Uhr Mr. Shi und der Gesang der Zikaden
20.45 Uhr FußballKultur zur EM 2008: Österreich – Polen

Ich befürchte, diese Kombination wird zum Zusammentreffen völlig unterschiedlicher Interessen führen, bei denen für mich klar ist, wer da den Kürzeren zieht.

Ich stelle mir das so vor: Ein junger Mann, nennen wir ihn Peter (völlig normal entwickelt, also mindestens mit einem rudimentären Interesse an Sport ausgestattet, aber auch den schöngeistigen Dingen durchaus zugetan, liest auch mal Oscar Wilde) hat sein erstes Date mit Julia (Philologiestudentin, Schwerpunkt Sinologie) am Donnerstag. Die beiden sind für halb acht im Moritzhof verabredet, um gemeinsam den Mr. Shi-Film zu sehen. Peter ist schon um halb sechs dort und guckt mit den Kumpels erstmal das Deutschlandspiel. Die letzte Viertelstunde muss er sich allerdings klemmen, weil Julia schon da ist (es steht 2:2, hohes Tempo, massenhaft Chancen auf beiden Seiten). Mit Müh’ und Not reisst er sich los und empfängt Julia äusserlich völlig gelassen im Hof. Er trägt heute die nicht so verwaschene Jeans und schliesst, als sie kommt, sogar die Knöpfe seines weissen Hemdes bis auf den Obersten. Sie trinken Wein und plaudern über die schwindende Qualität des Lehrkörpers am Ostasiatischen Institut der Universität Leipzig, während im Hintergrund der aufbrandende Jubel der Fanmeute in der Scheune jede Torszene untermalt. Peter rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her und spielt mit dem Gedanken, kurz auf die Toilette zu verschwinden, um durch den Hintereingang in die Scheune zu schleichen.

Julia doziert jetzt über den Inhalt des sie nun erwartenden Filmes (Zikaden, ihr wisst schon): ein alter Chinese besucht seine Tochter in den USA (frisch geschieden) und lernt dabei eine alte Iranerin kennen, die kein Englisch kann. Peter nickt etwas abwesend und lächelt sicherheitshalber. Der Jubel aus der Scheune deutet auf zwei weitere Tore hin. Peter weiss nur nicht für wen. Irgendwann ist das Spiel aus und die Jungs aus der Scheune diskutieren aufgeregt über die fulminante Schlussviertelstunde, in der die deutsche Mannschaft die beste Vorstellung seit Jahren gezeigt und noch vier Tore (zwei davon als Abseits nicht anerkannt, eins davon unberechtigt) geschossen hat.

Peters Zuneigung zu Julia schwindet. Es ist um acht, Peter trinkt den dritten Wein, was Julia nicht verborgen geblieben ist. Sie trinkt nun Wasser (“Mehr als ein halbes Glas Alkohol vertrage ich nicht”). Die beiden nehmen in der letzten Reihe im Stall Platz und Peter schöpft Hoffnung auf eine glückliche Wendung des Abends (vielleicht geht ja doch was!). Der Film beginnt und die Untertitel sind für Peter (3 Wein und 4 Bier) ein wenig zu schnell. Julia weint schon bald und Peter weiss nicht warum. Er legt vorsichtig den Arm um Ihre Schultern und schaut sie mit traurigen Augen an (jedenfalls versucht er das, es misslingt). Julia befreit sich aus seiner ein wenig zu ambitionierten Umklammerung und sitzt nun mit verschränkten Armen recht steif neben ihm. Wenn er die Untertitel gelesen hätte, wüsste er, dass die Iranerin gerade auf persisch von ihrer Verfolgung im Heimatland und den furchtbaren Zuständen in der Islamischen Republik berichtet. Sehen kann er das nicht, weil der gesamte Film mehr oder weniger im Halbdunkel spielt.

Aus der Scheune dringt erneut Torjubel. Bierseeliges Stimmengewirr im Hof; Männerlachen. Die erste Halbzeit des zweiten Spieles (Österreich-Polen) ist offenbar um. Peter hat keine Ahnung davon, dass Österreich 3:0 in Führung liegt und die Polen einen Elfmeter, den sie nach einer Tätlichkeit im Strafraum zugesprochen bekommen hatten und gegen die Zidanes Kopfstoß im WM-Finale 2006 ein sanfter Klapps war, verschossen haben. Eine Sensation bahnt sich an.

Mr. Shi sitzt jetzt mit der Iranerin stumm auf einer Parkbank unter einem blühenden Kirschbaum und Julia lächelt. Peter flüstert: “Jetzt fehlt nur noch, das die anfangen, die Enten zu füttern.” Er grinst schief und Julia sieht ihn fragend an. Das war nix. Peter muss jetzt aufs Klo (Julia: “Bringst Du mir bitte noch einen Tee mit? Hier ist es so kühl!”). Auf dem Klo berichtet ein Mittsechziger aufgeregt vom gerade laufenden Spiel: die Österreicher spielen wie entfesselt nur noch zu Neunt (zweiter Platzverweis wegen Tätlichkeit gegen einen Schiedsrichterassistenten!) und sind ‘drauf und ‘dran das 5. Tor zu schiessen. Peter ist zurück im Stall und hat den Tee vergessen (“Waralletutmirleid”). Im Stall sitzen noch 4 Leute, die anderen gucken Fussball. Der Kirschbaum im Park trägt nun Früchte und Mr. Shi sitzt alleine darunter (Untermalung: experimentelle Klaviermusik). Julia weint schon wieder ein bisschen. Peter hat jetzt ein Bier in der Hand und nimmt einen tiefen Schluck. Julia kann Bier nicht leiden, ist aber zu aufgewühlt, um ihm das zu sagen.

Kurz vor Ende des Films muss Peter wieder aufs Klo. Die zweite Halbzeit begeistert nicht nur eingefleischte Fussballfans. Ein österreichischer Geschäftsmann, der zufällig in der Stadt ist, hat ein Fass Bier spendiert. Volksfeststimmung. Als Peter vom Klo kommt, fängt ihn sein Kumpel Axel ab, der ihn gleich mit in die Scheune schleppt. ‘Nur für fünf Minuten’ denkt Peter und wehrt sich nur ein bißchen. Die Scheune ist ein Meer aus Rot und Weiss und Peter wundert sich, wo die ganzen Österreicher herkommen. Zwei junge Mädchen vor ihm sind ganz aus dem Häusschen und fallen ihm nach jeder brenzligen Situation um den Hals und jubeln mit ihm. Er weiss nicht warum und fragt auch nicht danach. Ein paar Polen sind auch da und werden von Leuten mit schwarz-rot-goldenen Mützen beim Bier getröstet. Inzwischen steht es 5:2. Sabine und Katrin haben ihm noch ein Bier besorgt und lassen ihn und Axel nun auch zwischen den brenzligen Situationen nicht mehr los.

Als er wieder aufs Klo muss, fällt ihm Julia wieder ein. Der Film ist zu Ende, und sie kommt gerade aus dem Stall. Der rote Abdruck von Sabines Körperbemalung auf seinem Hemd fällt ihr gleich auf, gleich nach dem Lippenstift auf seinem Kragen. Für ein “Ich kann das erklären” ist Ihre “Beziehung” definitiv noch nicht fortgeschritten genug. Also nimmt er ihre säuerlich vorgetragene Verabschiedung (“…und tschüss! Arschl*ch!”) stumm entgegen. Julia ist weg und Peter widmet sich wieder Sabine und dem Bier.

Die Österreicher gewinnen 6:4 und auch die polnischen Fans sind nicht mehr traurig. Das Freibier geht langsam zur Neige und eigentlich hat Peter auch genug. Sabine liegt auf einem Tisch im Biergarten und Peter schreibt in Spiegelschrift (damit es länger dauert) seine Telefonnummer mit einem Edding auf ihren flachen Bauch. Sie kichert. Axel und Katrin stehen in einer eher dunklen Ecke ziemlich dicht beieinander. Sie macht ihm gerade ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.

Julia wird morgen wieder nach Leipzig fahren und schläft längst in ihrem alten Bett im Haus ihrer Eltern. Peters Telefonnummer hat sie aus ihrem Handy gelöscht. Das spielt aber keine Rolle mehr, weil Peter sein Handy verliert, als er mit Sabine auf den Schultern in einen Busch am Straßenrand stürzt. Den beiden passiert nichts; sie sind viel zu betrunken und liegen lachend auf dem Rücken. Sie verabreden sich für den Freitag und freuen sich auf Holland gegen Frankreich. Der Zikadenfilm fällt Freitag aus: Keiner will ihn sehen.

Ich hoffe wirklich, dass sich der Moritzhof kulturell vom Einfall der barbarisch bemalten Fussballfans und Faninnen wieder erholt. Und ich hoffe, wir haben in den nächsten 3 Wochen ne Menge Spass bei dem einen oder anderen Spiel.

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