Innereien-opt-out
geschrieben von Richard on 2 Apr 2008
Seit einiger Zeit empfange ich von einem großen deutschen Kochportal einen Newsletter, in dem regelmäßig Rezepte der Nutzer der offensichtlich recht großen und auch vielfältigen Laienkochgemeinde anderen Freunden der Küche näher gebracht werden. Ich verwende hier das Wort Laie im besten Wortsinn: Zur Beschreibung eines mit Leidenschaft und Liebe und auch Können zu Werke gehenden Enthusiasten, der aber eben kein Profi ist, mithin mit seinem Können nicht seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Ich habe den Newsletter schätzen gelernt. Gern finde ich in meinem Posteingang die Beschreibung für Oma’s Sauerbraten oder Curryhühnchen. Auch das Rezept für einen immer wieder gern genommenen Apfelblechkuchen habe ich von hier. Natürlich ist auch mal Schrott dabei, aber im Großen und Ganzen stehe ich dem Service sehr aufgeschlossen gegenüber.
Vor ein paar Tagen allerdings hat diese wohlwollende Grundhaltung empfindlich an Breite eingebüßt, als ich eine Mail mit dem Subject: “Rezept des Tages: Anjas Nierenspieße, wie vom Markt” vorfand. Mein Körper quittierte das mit einem kurzen aber heftigen Würgreiz. Diesen trockenen Würgreflex kenne ich noch von früher, wenn ich nach 8 Wochen Sommerferien feststellte, dass ich vergessen hatte, einen Pausenbrotrest mit Hausmacherleberwurst zu entsorgen, der nun ein interessantes Eigenleben in meiner Pausenbrotdose aus eloxiertem Aluminium entwickelt hatte.
Oder noch schlimmer: Das Kadaverhaus in der Kaserne, in der ich ein Jahr meines Lebens geopfert habe, wo die Küchenmanschaft die Essensreste zwischengelagert hat und wo auch gerne mal eine halbe verrottende Kuh lag. Wer sich diese Verhältnisse im Hochsommer vorstellt, hat ein ziemlich genaues Bild von dem Gestank und dem dann nicht mehr ganz so kurzen Würgreflex.
Nierenspieße. Das klingt wie ein mittelalterliches Folterwerkzeug. Oder mindestens wie besonders heimtückische, weil spitze Nephrolithen. Was kommt als nächstes? Lungenhaschee? Gebratenes Hirn?
Und was ist mit den anderen Abgeneigten (wogegen auch immer)? Man mag sich gar nicht vorstellen, was sich da für Dramen abspielen, wenn Torben und Nele aus der Veganer-WG das Rezept für Mannis-Männer-Platte (6 kg Grillfleisch für 4 Personen, mit Fotogalerie) im Posteingang finden.
Ich jedenfalls wünsche mir einen Innereien-opt-out beim Newsletter, damit ich sowas nicht mehr lesen muss. Damit ich auch in Zukunft beim Lesen ein Lächeln der Vorfreude im Gesicht habe und nicht die Fratze des Ekels.