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Gelesen: Grisham, Der Gefangene

geschrieben von Richard on 28 Feb 2008

Ich gebe ja gerne zu, das ich ganz gerne die Bücher von John Grisham lese. Bis auf wenige Ausnahmen (Das Fest) ist das solide Abendunterhaltung, die nicht mit zuviel Tiefgang nervt und spannend erzählt ist, Gehirnkaugummi für Wartezimmer oder Bahn eben. Das Buch, das ich fast blind vor ein paar Tagen aus der Buchhandlung mitgebracht hatte, ist anders. “Der Gefangene” erzählt (unter anderem) die vollständige (und damit meine ich vollständige) Lebensgeschichte von Ron Williamson, einem wenig erfolgreichen Profi-Baseball-Spieler, der mit Alkohol und Frauen suboptimal umging und letztlich wegen Vergewaltigung und Mord in der Todeszelle landete. Begangen hatte er das ihm zur Last gelegte Verbrechen nicht. Das wird später auch bewiesen. Der Protagonist indes durchläuft die Mühlen der amerikanischen Justiz und erlebt Dinge, die kein Romanautor bei Verstand so in ein Buch geschrieben hätte, wollte er einen Rest von Glaubwürdigkeit wahren. Das Buch will berichten von einer Geschichte, die so tatsächlich passiert ist. Es geht um Fakten, nicht um Fiktion. Grisham zeichnet ein sehr differenziertes Bild eines an seinen eigenen Ansprüchen gescheiterten Menschen, der im Sumpf von Depressionen und Alkohol den ultimativen Alptraum erlebt. Der Leser erahnt wie unvollkommen und wie fragil die Fundamente sind, auf denen Recht gesprochen wird. Und am Ende wird das Buch zu einem flammenden Plädoyer gegen die Todesstrafe, welches hier in Europa offene Türen einrennt, in den USA jedoch zu heftigen Kontroversen führt. Grisham versucht sich erstmals journalistisch. Das ist deutlich zu spüren, denn Distanz zur Geschichte sucht man vergebens. Er erzählt sie minutiös aber parteilich und tut am Ende dass, was er dem Vertreter der Anklage, Bezirksstaatsanwalt Bill Peterson, vorwirft: Er sieht nicht beide Seiten der Geschichte. Er vernachlässigt die entlastenden Momente. So hat der Autor versäumt, trotz offenbar gründlicher Recherche, auch die Version des Anklägers zu hören. Die findet der interessierte Leser leicht im Internet. An der Kernaussage des Buches vermag sie indes nicht zu rütteln und so bleibt “der Gefangene” spannend erzählte Lektüre, die die ganze Grausamkeit der Todestrafe und die Verwerfungen des amerikanischen Rechtssystems darstellt. Lesen!

2 Comments »

sven:

Soso, zuviel Tiefgang nervt also, ja?

Februar 29th, 2008 | 16:01

Auch wer meistens beim Biobauern kauft, muss manchmal Currywurst und Pommes Schranke essen dürfen.

März 5th, 2008 | 00:00
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