Mucke
geschrieben von Richard on 17 Jan 2008
7.17 Uhr, 4°C, Nieselregenstarkwind von vorn. Der Himmel hängt schwarzgrau über mir und würde er auf mich stürzen, ich wäre nicht verwundert. Ich hab schlecht geschlafen und die Nase ist halb zu. Mit hochgezogenen Schultern stemme ich mein zerknittertes Gesicht gegen den Wind auf dem Weg ins Büro, als ich die ersten Takte von “Sympathy for the Devil” auf den Ohrstöpseln habe.
Unwillkürlich strafft sich mein etwas runder Leib und die Schritte werden, dem Takt angepasst, länger. Hundertmal hab ich das schon erlebt, die Intensität ist noch die gleiche. Nach den Bongos, Mick Jaggers Stimme und Nicky Hopkins’ Piano setzt dann die unvergleichliche Base-Line1 ein. Meine Lippen formen den Text, ich weiss, dass ich vermutlich spätestens jetzt ziemlich dämlich aussehe, aber ich kann gut damit leben. Am Damaschkeplatz zeigt mir mein Blick nach Osten einen aufreissenden Himmel, durch den die frühe Sonne rotes Morgenlicht von unten auf die Wolken wirft. Der Glaskasten am Bahnhof scheint zu brennen. Wie passend. Und Jagger fragt, wer wohl die Kennedys ermordet hat. Der Regen ist stärker geworden, aber ich auch. Ich renne nun fast, aufrecht im Wind und als Richards’ erstes Solo beginnt, dreht sich meine linke Hand nach aussen und rechts liegt zwischen Daumen und Zeigefinger das imaginäre Plektrum. Die schlechtgelaunten wartenden Studierenden, an denen ich jeden morgen vorbei muss, kennen vermutlich den mittelalten Typen, der den Spass an seiner Musik so schlecht verbergen kann. Als ich dann im Fahrstuhl stehe und nach 6:24 min 124 mal ooh who gehört habe, liegt ein Haifischgrinsen in meinem Gesicht. Der Tag kann mir nix mehr anhaben.
Wer braucht noch Drogen, wenn er solche Musik hat?!
- lohnt sich wirklich, darauf mal zu achten [↩]