Punk ist…
geschrieben von Richard on 29 Jul 2007
…im Stadtfeld vor allem Hundehaufen von wahrhaft biblischen Ausmaßen. Wer jemals im Stadtfeld die Gelegenheit hatte, einen “Ich-schnappe-mal-eben-für-’ne-viertel-Stunde-Luft”-Spaziergang im Dunkeln unternommen zu haben, der weiss, wovon ich rede.
Das sind nicht nur einfach kleine Köddel, die unangenehm im Schuhprofil hängen bleiben und deren angetrocknete Kruste tapfer unterm Schuh durchhält, bis der arglose Träger wiedermal im Auto sitzt und etwas gegen seine kalten Füsse tun will. Dann trifft es um so härter: Das eiserne Herz des 20 Jahre alten Golfs wird warm und er Besitzer entwickelt den üblichen Stolz ob der schadstoffarm schnurrenden Maschine, die nun ihrereseits dankbar die erwärmte Luft in den Innenraum bläst. Natürlich immer auf die Füsse. Die werden wohlig warm und noch bevor der Besitzer der solcherart befriedigter Füsse beginnt, das wirklich toll zu finden, entfalten die kleinen Köddeln ihr grausames Potenzial. Schlimm ist es dann mit Hundescheisse an den Füßen in einem Auto zu sitzen, das sich mit 160 Stundenkilometern einem Stau hinter einer Bergkuppe nähert, der etwa 250 Meter nach der letzten Ausfahrt beginnt und die Lüftung unentwegt offenbart, dass sich die Hundescheiße entschlossen hat, geruchstechnisch deutlich auf sich aufmerksam zu machen.
Nein, das ist noch viel mehr als diese kleinen garstigen Köddel. Stadtfelder Hundeverdauungsergebnisse sind bisweilen so gross, das niemand die Chance hat, sie bis zum Auto zu ignorieren oder gar zu übersehen. Im Moment des Ereignisses sind sie einfach präsent. Wenn sich die Ferse dem Boden nähert, ist das Schicksal besiegelt: der Mittelfuss tritt zuerst in Kontakt mit der braunen Masse, die dann ziemlich rapide unter dem Druck zur Seite ausweicht und sich mit einer strammen Aufwärtsbewegung kraftvoll um den teuer beschuhten schlanken Fuss schmiegt, der seinerseits nur die Bewegung bis zum vollständigen Kontakt mit dem Pflaster ausführt. Der Fuss steht. Und die Wurst des verhaltensgestörten und ohne Zweifel politisch links eingestellten Rottweilermischlings umhüllt ihn innig. Das sind Momente, in denen man den Glauben verliert, dass Hundehalter auch zivilisierte Menschen sein können. Die Punks, die auf den Wiesen im Stadtfeld rumlungern, und denen die Hunde hörig sind, sind es jedenfalls eher nicht. Obwohl ich dem Biertrinken schon am Vormittag manchmal eine gewissen Charme abgewinnen kann, gelingt mir das mit Hundescheisse ganz und gar nicht.
Gehen Punks eigentlich aufs Klo? Oder scheissen die auch einfach in die Wohnung? Das wäre immerhin konsequent.
Man mag mich als parteiisch ansehen, aber ich bemerke: Es geht auch anders. Zum Ersten hab ich festgestellt, dass -seit ich den schutzbefohlenen Wolfsabkömmling beherberge – Begebenheiten der oben beschriebenen Art seltener auftreten. Was zunächst verwundert, da ich mich ja doch öfter an frischer Luft, insbesondere an hoch hundefrequentierten Orten befinde. Hat sich da ein Instinkt aufgebaut, der Treffen dieser Art verhindert? Oder läuft der Racker – mit mir am anderen Ende der Leine – zu Stellen, die noch nicht verdauungsendproduktmarkiert sind? Man weeßet nich (vielleicht mal drüber promoviern).
Aber auch das menschliche Verhalten diesbezüglich kann sich anders gestalten. Im jetzt von mir bewohnten Bezirk Friedrichshain genießt die Bevölkerung den Ruf, politisch links und oder zumindest “alternativ” eingestellt zu sein – zuweilen ist dies auch am äußeren Erscheinungsbild zu erkennen, man kann den eine oder anderen so durchaus als “Punk” identifizieren. Und die Hundedichte scheint geradezu legendär. Dennoch hat sich eine Kultur entwickelt – unterstützt durch entsprechende Anwohnervereine, die vorprogrammierten Konflikten zwischen Hundshaltern (ja, ich schreib das mit “s” – die meisten haben ja nur einen) und anderen Anwohnern entgegenwirken wollen – die sich dadurch zeigt, dass die Geschäftsergebnisse vom Hundeführenden entsorgt werden (Tüten hängen da überall rum) Und dass funktioniert!!! Was ich sagen will: Vielleicht sollte man das Problem nicht auf Bevölkerungsgruppen projezieren.
Naja, ich lebe seit einiger Zeit mit einer Hundehalterin zusammen, was mich ja irgendwie auch zu einem Hundehalter macht. Und das von Dir praktizierte Wurstaufsammeln wird auch von uns so gehandhabt. Das hat seinerzeit die Zuneigung zu besagter Hundehalterin ohne Frage verstärkt. Es geht also auch in MD. Es wird nur einfach zu wenig praktiziert. Ich habe sogar mal einer Hundehalterin gegenüber meine Freude über ihre (eigentlich selbstverständliche) Reinlichkeit zum Ausdruck gebracht. Sie kam, wie sich herausstellte, nicht aus MD und wohnte erst seit kurzer Zeit im Stadtfeld.
Das mit der Projektion auf Bevölkerungsgruppen ist aus meiner sicht zumindest (zum Teil) hier in MD gerechtfertigt. Nazis in MD sammeln die Haufen ihrer (Kampf)-Tölen natürlich mindestens genau so selten auf. Davon gibt es im Stadtfeld allerdings nicht so viele…
Das heißt also, dass du genauso viel Hundehalter bist wie Jules Winfield Vegetarier. Wollen wir hoffen, dass du am Ende nicht wie Jules als Penner endest. Anderseits hat jeder Penner einen Hund bzw. jeder Hund einen Penner. Na dann also, viel Erfolg bei deiner Zweitkarriere.
@Tom:
Vermutlich bin ich ein bissel mehr Hundehalter als Jules Winfield Vegetarier. Ich hab mich ziemlich gut mit der Rolle arrangiert und empfinde das Tier als Bereicherung meines Lebens (Hoffentlich gehts dem Tier genauso!?). Es kommt nie so klar raus im Film, ob Jules das fleischlose Leben eher genießt oder eher nicht. Aber können solche Männer _gerne_ Vegetarier sein?
Penner: Wenn schon Penner dann aus Überzeugung: Der materiellen Welt entsagen. In der Südsee selbstgebrannten Schnaps trinken (nebenbei als Gott fungieren, mit allen Annehmlichkeiten) und aus seinen Halluzinationen Bücher machen, die hundert Jahre später eine dann junge Generation zu romantischen Träumen und zur Suche nach dem Sinn (wovon auch immer) inspiriert.
btw: Vegetarier, wie ich dazu stehe, kann man hier erahnen:
http://www.ruehmer.de/?p=106#more-106