Tim Mälzer und der THW

Geschrieben von Richard am 1 Feb 2007 |

Wenn man 16 ist, ist jeder Samstag Abend ein Kracher. Party, Disco, Mädels treffen und Leute kennenlernen. Wo werden wir an diesem Wochenende unsere Abende mit Leichtigkeit und Dummheiten vergeuden? Wer wird da sein und wer nicht? Schon die Vorfreude und die Frage, ob ich am Wochenende auch in die Disse dürfe, raubte mir spätestens ab Mittwoch den Schlaf. Der Freitag war zu meiner Zeit (Mitte/ Ende der 80er) noch mehr oder weniger tabu. Wir mussten noch am Samstag in der Schule erscheinen, sodass eine gelungene Abendveranstaltung am Freitag eine sinnvolle Teilnahme am Unterricht am Samstag zuverlässig verhindert hätte. Damals hat uns sowas noch mit Sorge erfüllt.

Nun bin ich inzwischen reichlich doppelt so alt und kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass der Samstag abend ein wenig von seinem Stellenwert eingebüßt hat. Die bloße Aussicht auf zuviel Alkohol in dreckigen, schlecht belüfteten, überfüllten Schuppen mit jungen kreischenden Dingern und die Erlaubnis, bis mindestens Mitternacht wegbleiben zu dürfen, erzeugt nicht mehr unbedingt ein langanhaltendes Kribbeln der Vorfreude. (allerdings, jetzt wo ich darüber nachdenke…Alkohol…überfüllt…kreischende junge Dinger…und die Erlaubnis, bis Mitternacht wegbleiben zu duerfen, ist auch nicht bei jedem immer selbstverständlich.)

Jedenfalls bestand ein gelungener Abend in meinem Universum immer auch aus einer guten Portion unvorhergesehener Ereignisse: mit einem Kumpel vom Markt stinkbesoffen Bistrostühle für die WG-Küche klauen, vor grün gekleideten Spielverderbern mit Blaulicht flüchten, amerikanische Football-Trainer kennen und Kautabak fürchten lernen, eine schöne Unbekannte treffen und sie in einer Frühlingsnacht für die wage Hoffnung auf einen Kuss quer durch die Stadt nach hause begleiten.

Solche Dinge eben, die Abende zu Legenden machen und die noch erzählt werden, wenn man(n) alt und grau ist. Einen solchen Abend kann man nicht planen aber man kann zumindest die Rahmenbedingungen herstellen: Kumpels und Ausgang! Beides war vorhanden, als wir im letzten Jahr mal wieder in kleiner Runde unterwegs waren. Die Taschen waren voller Geld, das nur darauf wartete, in die schmierigen Finger von halbseidenen Barkeepern zu gelangen.

Zuerst zur Einstimmung ein Spiel des SCM. Heute sogar gegen den THW, wobei der THW ja sowas wie Bayern München und den BFC in der Handballbundesliga auf sich vereint. Bayern München als Rekordmeister (ok Gummersbach hat auch ne Menge Meistertitel) und BFC weil immer auch ein bissel der Schiedsrichter hilft so wie früher bei Mielkes Lieblingsclub. Da kann man sich immer so schön ‘drüber aufregen. Und so ist es dann auch, obwohl heute die Schiedsrichter haarsträubende Fehlentscheidungen in beide Richtungen treffen, sodass die zahlreich angereisten Knastbrüder, die sich selber Zebras nennen, auch was zum Aufregen haben. Wir haben ganz gute Stehplätze und das Spiel ist ausgewogen bis spannend, obwohl der THW eh schon Meister ist und auch für den SCM nicht mehr viel zu reissen ist in dieser Saison. Die Kieler spielen mit und der SCM schlägt sich mal wieder fast selber. Neben genialen Spielzuegen fallen Profis auf, die nicht (immer) den Ball fangen können. Am Ende gewinnt der SCM mit knappem Vorsprung und die Fans hatten Spass und Spannung und gehen zufrieden nach Hause.

Nach einem kurzen Abstecher in die Feuerwache, die für uns an dem Abend gar nicht funktioniert (Publikum schwingt nicht auf unserer Wellenlänge; das war auch schon anders, wir hatten schon legendäre Abende dort), zieht es uns zum Hassel.

In der Bar am Hassel tun die ansehnlichen aber immer etwas unterkülten Bedienungen ihren Job professionell und abgebrüht. Jeder Gast, der glaubt angeflirtet zu werden, erliegt der perfekten Illusion, die die Mädels vermutlich in hunderten durchkellnerten Nächten solange optimiert haben, bis sie jeden Gast spielend und zielsicher an sein persönliches Trinkgeldmaximum treiben konnten. Alles ist wie immer und wie wir noch so überlegen, wie wir mit dem Feuerwachetrendwandel umgehen sollen, sagt Yentzieh neben mir ganz beiläufig:
“Da hinten sitzt er übrigens.”
“Wer?”
“Tim Mälzer”
“Ach Blödsinn!”
Wir hatten gerade vor einer Stunde darüber gesprochen, dass besagter Fernsehkoch am Abend eine Kochshow in der Stadthalle präsentiert hat.
“Klar, guck selber!”
Und er hat recht. Tatsächlich sitzt in einer Nische der Tim und unterhält sich angeregt mit einem Gegenüber.

Mir persönlich haben sich ja diese Idol-Fan-Beziehungen nie wirklich erschlossen. Kreischende Kinder, die auf Robbie Williams oder die Beatles (die cooleren natürlich eher auf die Stones) oder Tokio Hotel warten, liegen ausserhalb meiner Erfahrungswelt. Man kann Musik toll finden, ehrlich begeistert und mitgerissen sein, das Zusammenspiel der Musiker bewundern und eine Band als ganzes für ihr Schaffen verehren. ok. Das habe ich auch schon bei Pearl Jam, Metallica den Red Hot Chili Peppers oder den Beatsteaks erlebt. Das mündete jedoch niemals in Verehrung für die Personen, die hinter diesen Leistungen stehen. Ich würdige eher die Leistungen, wie ich anderer Menschen Arbeitsleistungen ebenso würdige. Das Produkt ihres Schaffens und Tuns gefällt mir und begeistert mich bisweilen. Auch was Max Goldt oder Wiglaf Droste so schreiben und eben auch was der Mälzer so kocht.

Nach einer ganzen Weile des Werkstudiums (in manchen Fällen auch des Konsums) bildet man sich dann langsam ein, eine ganze Menge über den Star zu wissen, ihn quasi zu kennen. Obwohl das natürlich völliger Quatsch ist. Das ist bei Tim Mälzer auch der Fall. Allerdings lässt er die Zuschauer auch mehr oder weniger intensiv an seinem Leben teilhaben und erzählt Stories aus seiner Jugend und läd Leute in seine Sendung ein, mit denen ihn gemeinsame Geschichten verbinden.

Irgendwann stehe ich also neben Tim am Urinal und spreche ihn an:
“Du bist doch der Tim Mälzer, oder?”
“Yo!”
“Cool!” gebe ich zurück.
“Wie jetzt?! Das erschliesst sich mir nicht so ganz. Ich stehe doch nur hier und pisse. Was ist denn daran cool?” freundlich aber auch leicht amüsiert über die wirklich dämliche Anquatsche grinst Tim mich an. Jetzt muss mir was einfallen sonst geht das voll in die Hose.
“Naja ich habe nur versucht deine Art zu kochen, deine blöden T-shirts und den Humor des Teams in einen Wort zu kondensieren.
Nicht schlecht, wie ich finde. Tim findet das wohl auch:
“Oh. Ok. Danke. Du siehst also meine Sendung regelmäßig?”
“Regelmäßig ist wohl übertrieben aber ich hab schon ein paar Folgen gesehen. Und der Tomaten-Brotsalat hat mächtig Eindruck auf diverse Frauen gemacht.” Ich grinse dämlich.
“Cool!” sagt er jetzt, obwohl ich sicher bin, das er solcherart Lob nicht so selten hoert.
“Du kannst kochen?” fragt er mich.
“Warum nicht, du kannst es doch auch!” und dann rede weiter:
“Man muss es mögen, dann geht es fast von allein. Ich beneide euch Profiköche lediglich um die solide handwerkliche Ausbildung, Produktwissen, den Überblick, die Standards die immer funktionieren und die Routine und Praxis. Sowas erarbeiten sich Amateuere in einem Leben Kocherfahrung. Aber dafür kannst Du ja vermutlich nicht programmieren, oder Blinddärme entfernen oder altgriechisch oder Haare schneiden.” Ich sehe Tims Frisur und lege nach: “Naja das mit den Haaren funktioniert für dich vielleicht. So wie das Spiegelei des 14 jährigen Schülers.” Tim lacht. Wir sind auf dem Weg zurück zur Bar.
“Wie gefällt dir Magdeburg?” frage ich nach.
“Keine Ahnung, bin nur im Hotel und in der Veranstaltungshalle gewesen. und in dieser Bar natürlich.” Tim kratzt sich am Kopf.
“Ist eigentlich sehr schade, dass ich selten wirklich etwas von den vielen kleinen und mittleren Städten zu sehen bekomme, in denen ich Shows habe, aber so läuft das nunmal in dem Geschäft.”
Ich nicke, als wüsste ich, wovon er redet.
“Naja, wenigstens kommst du ‘rum.” sage ich.
“Das liegt doch an jedem selber. Es zwingt dich doch niemand, immer an dem selben Ort zu hocken. Schon als mich noch keiner kannte, habe ich es noch nie lange am selben Ort ausgehalten. Es hat mir immer gereicht, sicher zu sein, dass ich irgendwohin zurückkehren konnte. Ein zuhause zu haben ist wichtig, besonders wenn man viel unterwegs ist.” ich nicke immernoch.
“Was trinkst du?” fragt Tim.
“Margerita.”
“Ok.” er gibt der zauberhaften Bedienung ein Zeichen.
“Die Cocktails sind hier gut gemacht. Wir haben als Studenten immer Tequila pur getrunken. Es gab eine Zeit, da war das mit dem Salz auf dem Handrücken und der Zitrone danach ziemlich cool. Irgendwann hat mich das Gematsche und die ewig klebrigen Finger nur noch genervt und ich musste bis nach New Mexico reisen, um die Margerita für mich zu entdecken.”
“Und wie war das mexicanische Essen?” fragt tim.
“Naja, ich mag scharfe Sachen.” sage ich und nehme kurz einen Blick von der Bedienung auf. Tim merkt das und stimmt zu.
“Diese ewigen Jalapenios und scharfen Eintöpfe mit Bohnen und gegrilltes Feuerwehrhühnchen und so weiter sind allerdings nichts, mit dem ich ein lebenlang meinen Energiebedarf decken möchte. Ist mal ganz nett aber auf Dauer ist das so, als würde man jeden Tag einen Esslöffel Rohrfrei aufgelöst in heisser Bateriesäere auf ex trinken.”
Tim nickt.
Ich rede weiter:
“Letztens hatte ich mal eine Pizza “Mexicana”, grundsätzlich sehr lecker, Rinderhack, rote Zwiebeln, Bohnen, eine Salsa aus Tomaten und Zwiebeln, die eine angenehme Süsse mit nicht zu dominanter Schärfe verband. Und was machen die Idioten in der Pizzeria? Die legen Chilischoten auf die Pizza. Schlimmster Sorte. Kennst du das Gefühl, wenn etwas so scharf ist, dass man davon Schluckauf bekommt, und nur noch so ein fast kitzelndes Kratzen am Gaumen spürt beim Essen?

So geht das noch eine ganze Weile. Wir reden natürlich über gutes Essen. Ich lobe seine einfachen Gerichte, lasse mich über Apfelcrumble, Kotteletts mit Apricosen, die unzähligen Salate, die Sandwiches zum Fussball (Rinderhackburger, frischer Salat, Saucen) und natuerlich die Grillrezepte aus, die ich zum Teil wirklich ausprobiert habe. Ich berichte vom Apfelstrudel meiner Großmutter, den ich schon fast genauso hinbekomme und die Leberreissuppe, an die ich mich noch nicht rangetraut habe (dabei ist die einfach: Leberknödelmasse durch ein grobes Sieb in heisse selbstgemachte Brühe streichen – die perfekte Vorsuppe, weniger aufdringlich als die ewigen Leberknödel von Tennisballgröße, die in kaum größeren Tassen stecken – Tim verspricht sie auszuprobieren). Ich rege mich über diese ganze Merchandising-Kacke auf. Kochbücher ok! Aber wer braucht Tim-Mälzer-Kochzangen, die er nicht mal erfunden hat, sondern nur benutzt, oder Tim-Mälzer-Schürzen mit diesem born-to-cook-Aufdruck, oder Tim Mälzer Brötchen bei meinem Bäcker um die Ecke, mit echtem Malz gebacken (haha, was für ein Kalauer). Das finde ich alles überflüssig. Tim zuckt mit den Schultern und sagt etwas über das Team und die Produktion, die ja auch Leben muss. Es ist eben eine Gratwanderung. Das ist sicher so, allerdings gibst Du für Dinge Deinen Namen her, die Du irgendwann nicht mehr wirklich kontrollieren kannst und dann droht es unglaubwürdig zu werden.

Ja so hätte eine Begegnung laufen können. Viel warscheinlicher wäre allerdings ein dreizeiliger Smalltalk, höflich, freundlich, vielleicht auch witzig, aber immer auch distanziert. Verständlich. Der Fan weis ne Menge über den Star (glaubt das zumindest) und nichts über den Menschen (merkt das aber nicht). Und der Star weis gar nichts über den Fan. Wozu auch? Wenn Stars abends privat in Bars sitzen, sind sie eben nicht der Star sondern der Mensch dahinter. Und der ist oft erstaunlich unspektakulär. Und will vor allem eben kein Gespräch mit einem Unbekannten aufgedrängt bekommen. Also lassen wir Sie einfach in Ruhe und ignorieren sie. Das haben sie (nicht anders) verdient.

Den Mälzer haben wir wirklich getroffen, allerdings hat das den Abend nicht merklich bereichert. Wir sind eben nicht mehr 16 …

Inzwischen sehe ich die Kochsendung seltener. Einige Rezepte sind jedoch haften geblieben. Und auch der Stil: Einfach, dicht an den hochwertigen Produkten, ohne viel Zauber. So wie auch Jamie Oliver das schon vor Tim populär gemacht hat. Danke dafür und alles Gute, Tim!

Und Jungs: Wir waren lange nicht in der Feuerwache! Wir müssen mal wieder um die Häuser ziehen!