We are Motörhead and we play Rock’n’Roll!

Geschrieben von Richard am 18 Dez 2006 |

Wenn man zu einem Rockkonzert geht, hat das bisweilen schon etwas von einem Sprung in ein Paralleluniversum. Zeuge, bzw. Subjekt eines solchen Sprungs wurde ich am letzten Freitag, als Ian “Lemmy” Kilmister mit dem Rest von Motörhead sich dem dreckigen, verlausten und vor allem total besoffenen “Publikum” im AMO zum Geschenk machte. Naja, verschenkt haben sich die Rocker natürlich nicht: ca. 35 Euronen wollten die Veranstalter für den Tinnitus haben, den man garantiert mit nach hause nehmen konnte, wenn keine Stöpsel in den Ohren waren.

Mit Stöpseln in den Ohren, alten Klamotten und einer gehörigen Portion Gleichmut muss man solchen Ereignissen entgegensehen, um dann auch die Performance der Künstler richtig geniessen zu können. Anders gesagt, sei vorbereitet, wenn Du Dich als durchschnittlich musikinteressierter Mensch auf Motörhead einlässt.

Um es Vorweg zu nehmen: Lemmy rulez! Geil von vorn bis hinten. Die alten wie die neuen Stücke kamen mit Gewalt und natürlich Lautstärke über mich herein. Das was man erwartet. Geradlinig, kompromisslos, hart. In der Zugabe kam dann neben einem phantasitischen Drummsolo und einem Accoustic-Stück auch noch das Unvermeidliche “Ace of Spades”; damit hatte das Jack-Daniels-Maskottchen die tobende Meute dann endgültig im Sack. Danke Lemmy!

Als Special Guest war “MELDRUM” angekündigt. Was wir dann sahen, sah aus, wie der feuchte Traum eines pekigen Metallers: eine Band bestehend aus 3 Frauen und einem Drummer und mindestens einem Doppelpack in DD. Das war wohl auch der Grund, warum der Veranstalter die “Sängerin” überhaupt auf Bühnen lässt. Selbst Lemmy hat Angst.

Dem vornehmlich männlichen Publikum hats offenbar gefallen, was dann auch die meisten durch die typischen “Ausziehen!….Ausziehn!”
Sprechchöre zum Ausdruck brachten. Als Anerkennung für die musikalische Performance lässt sich das nur schwer umdeuten.
Allerdings hatte die Frontfrau auch keine Scheu, ihre Vorzüge mit jeder Bewegung zu präsentieren und am Ende hätte es mich nicht gewundert, wenn sie den Forderungen der lederbehosten, bierseeligen Erstebisfünfte-Reihe-Stehern nachgekommen wäre.

Damit sind wir schon beim Publikum. Mindestens ebenso präsent und “interssant” waren die Leute um einen ‘rum. Bier war billig: 2 Euronen für einen meistens vollen Plastebecher, darum floss es wohl in Strömen. Schon vor Ende des Meldrum-Specials waberte der Duft von Halbverdautem durch den Raum. (Wichtige Regel: Wenn jemand auf nem Konzert mit dicken Backen und Panik im Blick zum Ausgang stolpert: Geh zur Seite!)

Schon bevor überhaupt ein Riff vom Hauptact zu hören war, waren manche “Gäste” so hackedicht, das die wirklich nix mehr mitbekamen. Verstehen werde ich das wohl nie: Die geben 35 Öcken aus, um dann sturzbesoffen im eigenen Mageninhalt rumzustolpern, waerend Rocklegenden ihnen die Trommelfelle rauspusten. Das hab ich schon in Bremen bei Metallica erlebt.

Apropos Bremen. Das Konzert im Weserstadion hat sich auch desshalb besonders in mein Hirn eingeraben, weil irgendwelche Bekloppten mit Urin gefüllte Becher in die Menge schmissen. Das können nur Bremer.
Obwohl diesmal im AMO das Männerklo (!) ständig überfüllt war (das hab ich sonst immer nur bei Frauen gesehen), kam keiner auf die Idee, in Becher zu pissen.

Auch das Anmachverhalten (Flirttaktik kann man das beim besten Willen nicht nennen) war unterirdisch. Eine gute Freundin (A.) berichtete von Typen, die nicht müde wurden, Ihr zu versichern, welch hübsches Gesicht sie hätte, wärend Sie mit halboffenen, glasigen Augen schwankend in ihren Ausschnitt starrten. Eigentlich ist A. dafür bekannt, solche Typen mit Sprüchen auflaufen zu lassen, die bei halbwegs vernunftbegabten Männern ungefähr so wirken wie ein Tritt in die Weichteile, insbesondere wenn die Kumpelz daneben stehen. Die Exemplare vom Freitag grinsten nur unsicher. Vermutlich waren sie nicht sicher, ob das jetzt gut war, was sie da gehört hatten.

Naja, beim regelmäßigen Hirnwegsaufen sollte man nicht zu konsequent sein, wenn man eh schon nicht so viel davon hat.
Aber irgendwie entspannt es ja auch, und bewältigt Stress…und produziert Geschichten.

Zum Schluss rief Lemmy nochmal “We are Motörhead, and we play Rock’n'Fuckin’ Roll. Don’t forget us!”

We won’t, Lemmy!