(R)eiterball

Geschrieben von Richard am 18 Jun 2004 |

Sommer ist eine großartige Jahreszeit. Die kulturellen Angebote sind ebenso zahlreich wie die Parties und die Leute meistens aufgeschlossen und gut drauf. Manchmal nehmen Begegnungen mit Artgenossen allerdings auch unverhoffte Wendungen. An einem Samstag Abend hatten wir uns das Jazz-Festival im Herrenkrug ausgesucht. Nachdem ich besagtes Festival verlassen hatte, von dem mir neben dem hohen Niveau der wahrhaft hochtalentierten und meisterhaft improvisierenden Musiker vor allem das hohe Niveau der Bierpreise und das Fehlen von ausreichend Mülltonnen im Hirn haften geblieben war, hab ich mich von Freunden zum Reiterball nach ******* (setzt hier bitte irgendeinen kleinen Ort in Ostelbien ein) entführen lassen. Anja hatte das tiefe und unstillbare Bedürfnis, diese kulturelle Supernova am Himmel des Nachtlebens dieser pulsierenden und dampfend Leben atmenden Metropole im Herzen des ostelbischen Kiefernbestandes mit ihrer Anwesenheit zu bereichern. Da Yentzie und ich nun wahrlich keine Langweiler sind und eigentlich auch zu ziemlich vielen Schandtaten bereit, brauchte Anja uns nicht lange bitten: die Aussicht auf ein Bier und eine möglicherweise interessante Erfahrung waren Motivation genug. Allein die Sorge um das passende Outfit trieb mich um. Zu Unrecht wie sich recht bald erweisen sollte.
Das Wörtchen “Ball” in der Bezeichnung der Veranstaltung rief mir Assoziationen mit Wiener Bällen ins Hirn, die im Allgemeinen nur Inhabern von gutem Aussehen, feiner Garderobe und unanständig teuren Eintrittskarten vorbehalten bleiben. Abgesehen vom guten Aussehen verfügen wir allerdings über derlei Voraussetzungen im Allgemeinen nicht. Und im Besonderen lagen wir noch kurz vorher im Gras und tranken Bier aus Plastebechern. Mit solcherlei Gedanken ausgestattet trafen wir in ******* ein. Es hatte Züge einer Zeitreise, einer Dimensionen überspannenden Odyssee, was uns da wiederfahren ist. Eben noch saß ich wohlbehütet in einem Ingolstädter Luxuswagen bei erlesener Musik, fand ich mich Sekundenbruchteile später in einem Paralleluniversum wieder, dass im konkreten Fall in einer dörflichen Mehrzweckhalle angesiedelt war, die angefüllt mit stinkbesoffener Dorfjugend und akustisch verseucht mit schlimmsten 80er-Jahre-Popverbrechen (Modern Talking, Fancy und Sandra z.B.) im Wechsel mit Karel Gott und aktuellen “Hits”, die 80er-Jahre-Popverbrechen covern, eine traumatische, ja beinahe lethale Wirkung zu entfalten drohte.

Anpassungsfähige Großstädter wie wir, die im Überlebenskampf des Betondschungels schon so manche schlimme Nacht überstanden haben, reagieren in solchen Fällen mit einem kurzen Irritiertsein, welches von der fieberhaften Suche nach dem angemessenen Verhaltensmuster verursacht wird. Es ist ein bissel so wie das Regeln einer Kamera, die auf plötzlich dramatisch veränderte Lichtverhältnisse reagiert.

Besonders lange dauerte das allerdings nicht. Wir sind ja Profis und flexibel. Im Nu hatte ich ein Bier in der Hand und tanzte zu ABBA’s Dancing Queen. Alles war wieder gut. Zu Dritt standen wir dann noch eine Weile am Rande der Tanzfläche ‘rum und haben uns über die wirklich groben geschmacklichen Verirrungen lustig gemacht, die uns dargeboten wurden. Fette, tätowierte Hüften, die von tarnfarbenen Hosen, mit viel zu tief sitzendem Bund nur mühsam zusammengehalten wurden, furchterregende, rekordverdächtige Plateausohlen (pinkfarben) und wie Pornodarstellerinnen geschminkte (ich musste sofort an Homer Simpsons Schminkflinte denken), solariumsverkokelte Kindergesichter, in denen ständig eine Smirnoff-Ice-Flasche oder eine Zigarette steckte. Selbst diese Ohr-beringten, fitnesscentergestählten, solariumsschwarzen Waschbrettwampen schütten dieses süße Gelumpe in sich rein, als gäb’ es kein Morgen.

Ich bin ja durchaus als jemand bekannt, der das Leben nicht mühsam durch einen Strohhalm aufsaugt, sondern eher mit kräftigen Schlucken aus einer Punica-Pulle in sich ‘reinschüttet. Aus diesem Grunde halte ich auch Hüfthosen (heißen die so?) für eine wirklich wunderbare modische Entwicklung. Miniröcke sind das auch und auch bauchfreie Tops. Für alle diese Dinge gilt: Ist alles sehr schön anzusehen. Und der geneigte Leser möge mir glauben: ich bin wie jeder Mann, sehr schnell visuellen Reizen erlegen, wenn es den Reize im positiven Sinn sind. Aber was da zum Teil von jungen und auch nicht mehr ganz so jungen, offenbar sehr mutigen (oder sollte ich sagen merkbefreiten, in der eigenen Körperwahrnehmung eingeschränkten) Mädels in Missbrauch dieser an sich schönen Bekleidungsform dargeboten wird, lässt mich zum Teil sogar mutmaßen, es handele sich um einen sehr subtilen terroristischen Angriff auf die Grundfesten unserer Gesellschaft. Wir werden da mit unserer eigenen Freiheit und Liberalität geschlagen.

Hüfthosen gehören an schöne Hüften! An nicht zu dürren aber keinesfalls fetten Hüften will ich sie sehen, den ganzen Sommer lang, bis es zu kalt wird dafür. Da ist das sehr in Ordnung. Aber diese preisverdächtigen, McDoof-gemästeten Schinken und Steiße, die zum Teil zu erschreckend jungen Dingern gehören, sollen sich gefälligst in Demut verhüllen, bis mal irgendeine Diät funktioniert hat. Gleiches gilt im übrigen für bauchfreie Mode. Ein Bauchnabel, der aussieht als wäre er von welligem, weißen Pergament umgeben, ist nicht geeignet, mir wohlige Schauer über den Rücken zu jagen. Ein schöner Bauch vermag das sehr wohl.

Es gibt ja auch bauchfreie Mode für Männer. Abgesehen davon, das das mir das irgendwie nicht gefällt, würde ich so etwas schon deshalb nicht anziehen, weil ein winziger Rest von klarem Verstand mir die Selbsterkenntnis gestattet, nicht über einen geeigneten Körper zu verfügen. Dafür bin ich einfach nicht gut genug in Form. Oder anders gesagt: Wer vom Stabhochsprung keine Ahnung hat, der darf nicht versuchen, sich in dieser Disziplin für Olympia zu qualifizieren.

Allerdings ist auch den Objekten unserer Erheiterung nicht lange verborgen geblieben, dass wir nicht mit ihnen sondern größtenteils über sie gelacht haben. Das mögen die aber in der Regel nicht sonderlich. Und wenn die auch sonst nicht so viel merken: Wenn man über sie lacht, reagieren die sehr sensibel. Yentzieh hat dann als erster von uns Dreien erkannt, das es Zeit war zu gehen. Und als ich mir mal die Mühe machte, in die uns umgebenden Gesichter zu blicken, war mir dann auch klar, das wir nicht mehr lange Spaß an uns und unseren schönen geradegewachsenen Nasen haben würden, wenn wir uns nicht gleich verpissen. Es ist ja auch bekloppt, in der Höhle des Löwen über dessen Möbel zu lachen…