Löcher in den Socken

Geschrieben von Richard am 25 Okt 2003 |

Replik auf eine Provokation*

Es droht wieder einer dieser heißen Tage im Sommer ’03, den wohl niemand in die Reihe der verregneten Scheiß-Sommer der letzten Jahre einordnen würde; auch nicht der miesepetrigste Miesepeter aus dem schönen MD; (und die sind ja dafür bekannt, nicht unbedingt immer Inhaber der allerbesten Laune zu sein). Ich fahre mit der Straßenbahn zur Arbeit, weil mein Fahrrad einen Platten hat und ich mir immer noch keine neue Luftpumpe geklaut hab.

In der Bahn sitz mir eine junge Dame gegenüber, die diese Bezeichnung nicht im Mindesten verdient. Ihre stelzengleichen Beine stecken in ziegelroten Stoffhosen, die voluminös über die auf monolithischen Blöcken thronenden Füße fällt. Eine blousonartige, khakifarbene Jacke verhüllt die schmalen Schultern und ihre knabenhafte Brust wird von einem gut gepolsterten BH weit nach oben geschnürt. Mir bleibt die Luft weg. Ihr offenbar nicht, denn die Tortur hat noch kein Ende. Ihre vor einiger Zeit gefärbten schwarzen Haare sind zu einem Zopf gebunden, der die Gesichtszüge merklich strafft. Ihr Blick ist leer und böse. Meine Phantasie vermag sich nicht auszumalen, welche Dämonen aus ihr das gemacht haben, was ich anschauen muss. Diese Dämonen höchstselbst müssen wohl auch für die enorme Menge Farben in ihrem Gesicht verantwortlich sein.
Die Bahn hält und die “Dame” begibt sich zur Tür. Noch ehe diese öffnet, brennt ihre Zigarette. Ich sehe den Körper, der einst einem jungen Mädchen gehört haben muss, auf den schwarzen Quadern unbeholfen auf eine Gruppe Gleichgesinnter zustolpern. Prima, denke ich, das kann ja nur noch besser werden.
Ich bin müde.
Mit Freuden kommt mir in den Sinn, dass heute Vormittag die betriebsärztliche Untersuchung ansteht. Das bedeutet im Klartext: zwei Stunden im Wartezimmer sitzen, unterbrochen von der Abgabe einer Urinprobe, einem Sehtest und einem zehnminütigen Gespräch mit der Ärztin der Berufsgenossenschaft, indem sie mir wieder erklärt, wie toll sie das findet, dass mein Drucker im Büro drei Zimmer weiter steht, und ich immer aufstehen muss, um das Papier zu holen. Sie findet das aus rein medizinischer Sicht toll. Wegen dem Rücken und der sonst fehlenden Bewegung natürlich. Wissenschaftlern wie ihr ist so etwas wie Schadenfreude natürlich fremd. Ihr Drucker steht am Fenster. Armlänge entfernt.
Eingebettet wird diese Konversation in einen Vortrag zur richtigen Sitzhaltung am Arbeitsplatz. Wenn die wüsste, wie ich immer auf meinem Stuhl hocke, würde die mich glatt in eine Vorlesung von angehenden ArbeitshygenikerInnen schleppen. Als Anschauungsobjekt. Als ganz schlechtes Beispiel. Sie würde wohl Sätze sagen wie:
“Die Sitzhygiene dieses jungen Mannes ist mangelhaft, meine Damen und Herren!” Dabei würde sie mit einem dieser ausziehbaren Zeigestöcke in Kugelschreibergröße auf mein deformiertes Rückgrad deuten und triumphierend dreinschauen. Das muss ich nicht haben. Ich entziehe mich dem, indem ich ihr über mein Sitzverhalten frech die Hucke volllüge. Kurz denke ich an die jungen, blonden, gut gebauten und meist etwas dümmlichen Dinger, die zweifelsohne im Doppelpack auch in dieser Vorlesung in der ersten Reihe sitzen würden, verwerfe aber den Gedanken ganz schnell wieder.
Die mir gegenübersitzende Betriebsärztin war vermutlich auch mal so ein junges, gieriges Ding. Nach einer Flasche Tequila hat sie dir dann gezeigt, was man mit Handschellen in ihrem Stahlbett so alles anstellen kann. Am nächsten Morgen hatte man dann rote Male an den Handgelenken, rasende Kopfschmerzen, eine tote Katze im Mund und keine Ahnung wie man die verdammten Handschellen wieder aufbekommt, um sich leise zu verpissen.

Wenn sie während des Medizinstudiums nicht immer wieder die gleichen Drogenselbstversuche gemacht hätte, würde sie heute am offenen Herzen operieren und nicht blöde Vorträge über Sitzhygiene halten. Sicher sitzt sie jetzt jeden Abend stumm in ihrem abgedunkelten Wohnzimmer, streichelt ihren kleinen Yorkshire – Terrier mit Schleife auf dem Kopf, starrt die Tapete an und denkt sehnsüchtig an ihr altes Stahlbett.Ich bin entlassen, geläutert, bekehrt. Ich werde noch heute mein Sitzverhalten verbessern. Jawohl. Nur um dem Leben dieser Frau einen Sinn zu geben.

Im Vorzimmer verrichtet eine interessante junge Dame ihr Tagwerk. Ihr mehr als mittellanger Körper steckt in einem etwas zu engen Kittel, der kurz über dem Knie endet. Ich danke dafür. Ihre Haare sind schwarz und kurz. Das Schwarz scheint echt, denn ihre Augen sind es auch. Ich suche nach dem Flaum auf ihrer Oberlippe, den ihr schwarzes Haar und die üppige Behaarung auf ihren Unterarmen vermuten lässt. Nix ist da. Ich überlege kurz, ob ich sie nach der Marke ihres Rasierers fragen soll, weil ich mich mit meinem immer wieder schneide. Ihre Haut ist hingegen glatt und ohne Makel. Ich verwerfe den Gedanken. Es kommt mir unmännlich vor, mir von einer Frau in Sachen Rasur Rat zu holen.
Sie ist eine resolute Person: Mit festem Blick auf mich gerichtet und ausgestrecktem Arm in Richtung Toilette, drückt sie mir mit der anderen einen dieser kleinen Plastebecher in die Hand. Sie unterlässt nicht, mich daran zu erinnern, das Händewaschen nicht zu vergessen.

“…und lassen Sie gleich Ihre Schuhe und die Jacke da, wie müssen Sie noch wiegen!” ruft die mir freundlich zu. Ich denke kurz darüber nach, wie sie das WIR wohl gemeint haben könnte. Ich hab’ zugenommen, ok. Aber ich bin überzeugt, dass ich es auch ohne fremde Hilfe auf die Waage schaffe.
Ich entledige mich also meiner Schuhe und der Jacke. Ich schaue an mir herunter und sehe: zwei Löcher in der rechten Socke…

“Shit!” entfährt es mir leise. Ob der katastrophalen Fußbekleidung wünsche ich ruckartig im Boden zu versinken. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie auf diesen Mangel reagieren wird. Mir muss ganz schnell etwas einfallen. Ich ziehe also die Socke soweit nach vorn, dass ich den entstehenden Zipfel zwischen die Zehen klemmen kann. Die Löcher sieht man nicht mehr, aber laufen kann ich so auch nicht wirklich. Ich habe nun also die Wahl zwischen:
a) Ich habe einen paroxysmalen Klumpfuß, der mir immer mal wieder zu schaffen macht.
–> Nicht so gut, den will sie sicher sehen.
b) Ich hab mir was eingetreten.
–> Das will sie erst recht sehen.
c) Ich bin blöd und laufe gerne so.
–> Das könnte funktionieren.
Dazu kommt es aber nicht. Sie beobachtet mich einfach beim Humpeln mitleidig und schüttelt unmerklich den Kopf. Vermutlich trägt meine Akte jetzt einen kleinen roten Punkt. Den haben alle, denen die Schwester bei der Verabschiedung unauffällig die Adresse eines guten Psychotherapeuten zusteckt.
Nach dem mir die scheiß Waage eine schlichte Frechheit angezeigt und die Schwester mich dazu zwingt, laut vorzulesen, was ich angeblich wiege, humple ich in die Kabine zur Urinabgabe. Ich verkneife mir die nicht unberechtigte Frage nach einem größeren Becher, mach das Ding randvoll und stelle es vorsichtig auf ihren Empfangstresen. Ich humple wieder zurück zum Händewaschen…
Was für ein scheiß Tag, gut das wir uns heute Abend am See auf eine Pizza und eine Kiste Bier treffen.

*Dieser Text entstand aufgrund eines Wortgefechts per e-mail, dass sich entwickelte als uns AR auf eine seltsame ebay-Versteigerung aufmerksam machte. Gegenstand der Versteigerung war eine Diddl-Maus, die mit einem ziemlich witzigen Text angepriesen wurde. Die Versteigerung brachte dem Besitzer besagter Diddl-Maus um die € 50. KS war darüber so entrüstet, dass sich der folgende E-Mail Verkehr zwischen KS und mir ergab:

ks>>> Aktuelles Gebot: EUR 42,38
ks>>> Übersicht: 44 Gebote

ks>>> sind die Leute nur noch bescheuert????
ks>>> ich hab noch ein paar getragene Socken mit Löchern drin unterm Bett liegen
ks>>> … die bringen bestimmt mind. 30,- ?

rr>> klar, wenn du dir eine wilde geschichte ausdenkst, wie die loecher da
rr>> reingekommen sind, in der folgende dinge vorkommen muessen: ein sonniger
rr>> tag am see, eine flasche tequila, zwei blonde, gut gebaute junge damen,
rr>> handschellen, ein rasierer, eine pizza und eine kiste bier. ;)


ks> ahhmmm rico … lass doch einfach deinen gedanken weiter freien lauf …
ks> das wird bestimmt noch interessant *gg*

…..90 Minuten später war die Geschichte fertig.