Rollsplitt färbt Hose braun
geschrieben von Richard on 7 Sep 2002
Die Feierabendrunde auf der schwarzen Dicken ist mal wieder richtig gut: auf der 246 bin ich von MD bis nach Wiesenburg locker flockig durch Wald und Feld gewedelt und kurz davor auf die 107 in Richtung Coswig abzubiegen. Der Wald ist sattgrün, strotzt vor Leben und duftet wunderbar, die Luft ist nach einem warmen Spätsommertag angenehm kühl und die meisten Dosentreiber sind offenbar schon zu Hause. Die Sonne steht zwar tief, aber in meinem Rücken, sodass die Stämme der Kiefern golden leuchten. Ich hänge meinen Gedanken nach und genieße einfach die fast perfekten Kurvenlinien, die mir an diesem Tag gelingen: die Dicke kippt nach rechts, sie kippt nach links, die Stiefelspitzen streicheln den Asphalt und mit sanfter Beschleunigung zieht sich die Dicke ein ums andere mal souverän zum Kurvenausgang. Die Schräglagen erzeugen dieses beinahe schwerelose Gefühl, dem alle Kradisten mehr oder weniger verfallen sind. Ich genieße den Moment und bin eins mit der Welt aus Wald, Sonne, würzigem Duft, Asphalt und nicht enden wollenden, organischen Bewegungen der Vierteltonne Stahl mit mir oben drauf.
Vor mir taucht ein Auto auf, dem ich mich schnell nähere. Ich kann aufgrund des Gegenverkehrs nicht gleich überholen, da nimmt das Unheil in Form eines massiven Insektenschwarmes seinen Anfang. Eingehüllt in chitinhaltige Biomasse verschlechtert sich die Sicht ziemlich zügig. Der Dosentreiber vor mir hat das wohl auch mitbekommen und betätigt beherzt seine Scheibenwaschanlage. Die Düsen sind natürlich scheiße eingestellt und hüllen mich zusätzlich eine spülischwangere Wolke. Bedingungen, die nicht dazu geeignet sind, die optischen Eigenschaften meines Visiers zu verbessern. Und wie ich mich noch so drüber freue, wie schön sich das Licht der entgegenkommenden Fahrzeuge in den Insektenleichen und den Spülitropfen bricht, gebiert mir des Schicksals unberechenbarer Uterus eine fiese Rollsplittspur direkt vors Mopped. Das Vorderrad, plötzlich seiner Haftung beraubt, strebt natürlich sofort in Richtung Kurvenaußenseite. Klar, dass das Hinterrad da nicht nachstehen mag. Da die Rollsplitt-Spur einen knappen halben Meter breit ist, haben auch beide Räder genügend Zeit, ordentlich ins Rutschen zu kommen. Bis der Rollsplitt dann plötzlich ausgeht und der knackig einsetzende Grip im Verein mit der Massenträgheit die Fuhre in die andere Richtung kippen lässt. Viel Zeit zum Überlegen hat man ja in so einer Situation nicht wirklich; trotzdem kalkuliert mein Hirn blitzartig eine Reihe von wichtigen Entscheidungen. Zunächst schießt mir eine alte Mopped-Fahrer Weisheit durch den Kopf, die genauso wahr wie nutzlos ist: “Keep the rubber-side down!”. Tolle Wurst! Die Frage ist nur: Wie? Nachdem das Ziel also erkannt ist, stellt sich die Frage nach einer passenden Taktik. Links in den Gegenverkehr: Das ist offensichtlich eine blöde Idee. Rechts in die Lei(t/d)planke: oooch nööö! Auch nicht wirklich eine Option. Die Dose vor mir wird auch noch langsamer, weil der Fahrer natürlich auch nur noch einen Insektenfriedhof sieht…
Für solche wirklich existenziellen Situationen ist der gemeine Mopped-Fahrer offensichtlich mit Notfallprogrammen ausgestattet, die neben den ganzen sinnlosen Krempel, der das Hirn so im allgemeinen beschäftigt, still und zuverlässig ihre Arbeit verrichten. Der Fahrer nimmt davon nix bewusst wahr. Als ich noch dabei bin, die Ausweglosigkeit meiner Situation zu eroieren, tut mein Körper längst das richtige. Ich kann nicht genau sagen, was das ist, aber es funktioniert. Vermutlich lenke ich gegen und meine sonst so sanfte Dicke bockt heftig wie ein Bulle beim Rodeo. Nach einigen ziemlich dramatischen Schlenkern, die einiges an Gummi auf der Strasse hinterlassen und einer Äonen andauernden Schrecksekunde rollt die Dicke wieder friedlich dahin, als hätte sie nie etwas anderes getan.
Erstmal rechts ran. Runter vom Bock, Helm ab zum Gebet. Wie lange dauert das eigentlich, bis das scheiß Zittern wieder aufhört? Ich hab das Rauchen zwar lange aufgegeben aber eine Zigarette wäre jetzt gut, oder wenigstens ein großes Glas Jack Daniel’s. Und wo zur Hölle kriege ich hier ne neue Unterhose her?
Die Rückfahrt verläuft nicht nur aufgrund des blickdichten Helmvisiers nicht annährend so harmonisch, wie der Trip bis zur Rollsplit-Insekten-Etappe. Keine streichelnden Stiefelspitzen, keine schwerelosen Schräglagen. Nur noch im Gesicht einschlagende Insekten, kein Gefühl für die Straße. Anfängerangst. Bin wohl noch im Notfallmodus. Nach 20 Minuten geht’s besser. Die alte Sicherheit kehrt langsam zurück, auch wenn die Insekten inzwischen eine dicke Kruste im Gesicht bilden. Als ich auf den Garagenhof einbiege, ist es fast völlig dunkel.
Ich denke an eine andere Weisheit, die mir mal ein Sportpilot über die Fliegerei anvertraut hat: Man beginnt mit einem vollen Sack Glück und einem leeren Sack Erfahrung. Der Trick ist, den Erfahrungssack aufzufüllen, bevor man den Glück-Sack geleert hat. Das trifft auch aufs Moppedfahren zu. Das weis ich jetzt.
Fazit:
1. Fahren in der Abenddämmerung kann im Spätsommer auch ohne Nebel ruckartig zu Sichtproblemen führen
(Insektenpopulation).
2. Manchmal ist es gut, hinter einer Dose durch die Kurve zu müssen und langsamer und weniger schräg zu sein, als üblich.
wenn Du im Wald einer von Baum zu Baum springenden Brünetten begegnest, dann könnte das meine Ex-Flamme, die Försters-Tochter, sein.
Die konnte in wenigen Sekunden in wenigen Metern (um die 10m) Entfernung einfach unsichtbar werden. Unglaublich.
…waren das eine oder andere Mal im Wald. You know…
sehr schön, Rico.
…das ist die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit…
*kicher-schmunzel-träum*