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Hochwasser

geschrieben von Richard on 4 Sep 2002

Dieser Kelch ist wohl noch einmal an der schönen Landeshauptstadt und ihren im – sogenannten – Speckgürtel gelegenen, besseren Wohngegenden vorübergegangen. Ein paar Keller sind vollgelaufen und es war mal wieder richtig was los. Die Medien berichten von einer Welle der Hilfsbereitschaft. Und in der Tat waren noch nie so viele freiwillige Helfer auf den Beinen, um Sandsäcke zu füllen, Brote zu schmieren und LKW’s mit den eben befüllten Sandsäcken zu beladen, um sie andernorts wieder beim Verstärken von Dämmen einzusetzen. Die Stimmung unter den freiwilligen Helfern war großartig. Es wurde gelacht und gesungen, auch geflirtet und wunderbare leichtbekleidete, schwitzende Frauenleiber bewundert. Schon deshalb haben sich die Muskelschmerzen und der leicht überlastete Rücken gelohnt. Die Menschen in den freiwilligen Hilfstrupps waren freundlich und nett zueinander. Nicht die üblichen, zur Faust geballten Fratzen der Magdeburger Ureinwohner sondern eine offene freundliche Mimik wohnte in den Gesichtern von Schülern, Studenten, Hausfrauen, Ärzten, Maurern, Polizisten (!), Mitarbeitern der Müllabfuhr, und sogar den Beamten der Stadt. Alle engagierten sich für die große gemeinsame Sache…

Mit selbstloser Nächstenliebe hatte das alles jedoch allerhöchstens am ersten Abend der Arbeitseinsätze zu tun gehabt. Natürlich wollten alle irgendwie helfen und nicht untätig rumsitzen. Die härteste Folter erlebte ich selbst am Freitag Vormittag in meinem Büro, als ich, dazu verdonnert untätig zu sein, die Nachrichten über die heranrollende Flutwelle im Radio verfolgen musste. Als dann endlich Feierabend war, beeilte ich mich, mich einem der Sandsack-Schlepp-und-Vollmachtrupps anzuschließen. Es war ein gutes Gefühl den Körper zu spüren die leichten beginnenden Schmerzen in den Händen, die solche Arbeit natürlich nicht gewöhnt sind (dabei habe ich keinerlei masochistische Neigungen). Einen kräftigen, gesunden Männerkörper auf Dauer in ein Büro zu sperren und ihn allenfalls eine Rechnertastatur bedienen zu lassen, ist überdies schon fast ein Verbrechen an Gottes Schöpfung. Insofern ist jeder körperlich hart arbeitende Bauarbeiter in der Tat ein praktizierender Christ, weil er den Gaben Gottes das gibt, wonach sie verlangen. Insgesamt hatte ich, und so hörte ich es auch aus den Gesprächen mit vielen anderen freiwilligen Helfern, schon lange nicht mehr ein so starkes Gefühl, etwas nützliches zu tun. Letztlich dienten diese freiwilligen Arbeitseinsätze damit auch der Sinnfindung für die eigene Existenz. Das ist gesellschaftlich nützlich!

Am Tag zwei und drei der Arbeitseinsätze wollten erstens zu viele Leute an dem gemeinschaftlichen Erlebnis teilhaben, das ist zumindest mein Eindruck…(das wurde möglicherweise auch durch die relativ schlechte Koordinierung zwischen den Baustellen verursacht). Zweites zeigte sich eine interessante Form von Katastrophentourismus: leicht bekleidete Damen und Herren im Alter von 16-20 machten aus der Sandsack-Abfüll-Station im Kieswerk Rothensee kurzerhand eine Mini-Love-Parade mit Musik und Drogen (spekulativ vom Verfasser aus dramaturgischen Gründen eingefügt) und allem was dazu gehört. Spätestens hier war es keine Hilfe um der Hilfe willen, sondern schlicht ein Event, eine Gelegenheit dem offensichtlich so sinnentleerten Leben der Besitzer dieser zuckenden Leiber für kurze Zeit zu entfliehen. Ich will der ganzen Aktion einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen. Halbnackte junge Damen sind mir in jeder Lebenssituation recht (außer vielleicht beim Geburtstagskaffee meiner 80-jährigen Oma). Hier fand ich allerdings schon erstaunlich, in welche Richtung diese Aktion abdriftete. Lustig fand ich auch die Punks, die regelmäßig zur Essenszeit am zentralen Treffpunkt für Helfer auftauchten, um die Gratisschnittchen abzugreifen (aber die sind ja auch irgendwie in Not). Nicht so lustig die Leute, die so gern auf brave Mitbürger machen und Sonntags immer mit der ganzen Familie ihren 3er BMW waschen und hier ihre versifften alten Matratzen als “Spende” entsorgten, obwohl die eigentlich auf den Müll gehört hätten.

Essenz dieser Tage ist für mich eine Mischung aus Erkenntnis (nämlich das man jungen Leuten eine gemeinsame Aufgabe geben soll, dann hau’n sie sich weniger gegenseitig auffe Fresse) und Ernüchterung (der Mensch ist nicht immer von Natur aus gut).

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